Textauszug aus dem Buch "Irland - eine Bildreise"

von Thomas A. Merk

Vom Wikingerdorf zur Metropole - Dublin

"Da ist Dyflynn!" schreit der Kapitän des Wikingerschiffs durch den tosenden Sturm und deutet mit ausgestrecktem Arm nach vorn. Seine Passagiere auf den harten Holzbänken hinter ihm ziehen angesichts von Donner, Blitz und riesigen Wellenbergen die Köpfe ein und pressen ihre Kamerataschen enger an sich.

Die Vorsicht ist überflüssig, denn die Wellen tosen nur auf der Leinwand. Das Gewitter ist Theaterdonner, das Schiff bewegt sich auf Gummireifen und der nordische Seebär am Bug ist ein Schauspieler, der mehrmals am Tag den fellgewandeten Wikinger mimt. Ob das "Viking Adventure" genannte Touristenspektakel im Keller einer eigens dafür umgebauten alten Kirche die fünf irischen Pfund Eintritt wert ist, muß jeder für sich selbst entscheiden. Immerhin erinnert die künstlich beleuchtete Pappmacheewelt daran, daß sich hier vor mehr als tausend Jahren eine der größten Wikingersiedlungen außerhalb von Skandinavien befand.

Im Jahr 841 gründeten die streitbaren Nordmänner, die besonders gerne die reichen, irischen Klöster überfielen und sich ihrer Schätze bemächtigten, an der Mündung des Flüßchens Poddle in die Liffey eine Handelsniederlassung, die aber gleichzeitig als Basislager für ausgedehnte Raubzüge diente. Wo diese von der keltisch-christlichen Urbevölkerung Dubh Linn (schwarzer Teich) genannte Siedlung lag, weiß niemand ganz genau. Spuren einer sehr viel größeren Wikingerstadt, die Anfang des 10. Jahrhunderts nicht weit davon entfernt gegründet wurde, entdeckte man im Jahr 1978 bei Ausschachtungsarbeiten direkt am Ufer der Liffey. In bis zu dreizehn Schichten übereinander fand man hier am Wood Quay und der Fishamble Street die Überreste von Häusern aus der Zeit von 920 bis 1100, dazu einen Erdwall, mit dem sich die Wikingerstadt vor Überfällen geschützt hatte und Tausende von Artefakten. Dabei waren - eine Seltenheit - die organischen Materialien der aus Holzpfählen, Flechtwerk und Stroh erbauten Häuser so gut erhalten, daß das Gras, das als Schlafunterlage diente, zum Teil nach 1000 Jahren noch grün war.

Es ist kein Ruhmesblatt in der jüngeren Geschichte Dublins, daß die Stadtverwaltung unbeeindruckt von massiven Protesten aus dem In- und Ausland auf diesem einmaligen Gelände ein gigantisches und überdies potthäßliches Verwaltungszentrum errichten ließ, das wegen seiner einfallslosen Betonfassaden von den Einheimischen nicht zu unrecht "the Bunkers" genannt wird.

Der nicht gerade zimperliche Umgang mit der eigenen Vergangenheit hat in der irischen Hauptstadt Tradition, wie der rigorose Abbruch vieler georgianischer Häuser in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts beweist. Vielleicht, so argumentieren kritische Geister, liegt das daran, daß Dublin eigentlich nie eine irische Stadt war. Schon zur Wikingerzeit war Dyfflin, wie es die Skandinavier nannten, eine Bastion fremder Eindringlinge, umgeben von keltisch-irischen Stämmen, die keine Gelegenheit ausließen, die ausländische Enklave anzugreifen.

Die Wikinger mußten, vom irischen Hochkönig Brian Boru 1014 vernichtend geschlagen, die Insel verlassen, aber schon 1170 waren neue Herren da: Die Normannen, die von der Nachbarinsel England kamen und Dublin zu ihrem Verwaltungssitz machten. Seit dieser Zeit war Irland in englischer Hand, was allerdings über Jahrhunderte hinweg de facto deutete, daß irische Lokalfürsten im Land schalteten und walteten, während sich in Dublin eine oft ohnmächtige königliche Verwaltung hinter einem Palisadenzaun - dem Pale - verschanzte.

Erst mit der blutigen Eroberung der Insel durch Oliver Cromwell im 17.Jahrhundert konnte sich die englische Herrschaft in ganz Irland durchsetzen und Dublin, bis dahin ein Fremdkörper im eigenen Land, erblühte zu einer wirklichen Hauptstadt - wenn auch nur zu der einer politisch gegängelten und wirtschaftlich ausgebeuteten Provinz. Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts entstand unter englischer Oberherrschaft ein Großteil der Prachtbauten im georgianisch-klassizistischen Stil, die noch heute zu den Höhepunkten einer jeden Stadtrundfahrt gehören, darunter das Custom House am Ufer der Liffey, das Parlamentsgebäude (heute Sitz der Bank of Ireland) und die ebenfalls am Fluß gelegenen Gerichtsgebäude der Four Courts, die 1922 im Irischen Bürgerkrieg durch Artilleriefeuer zerstört und danach wieder aufgebaut wurden.

Auch das Hauptpostamt - das General Post Office - in der O’Connell Street litt schwer unter den gewaltsamen Auseinandersetzungen, mit denen sich Irland vom englischen Königreich löste. Den von 1814 bis 1818 entstandenen Prachtbau suchten sich irische Patrioten für ihren berühmt gewordenen Aufstand vom Ostersonntag 1916 aus. Eine Woche lang wehte damals die grüne Flagge mit der goldenen Aufschrift "Irish Republic" über der klassizistischen Fassade, dann mußten die Rebellen, die von Anfang an auf verlorenem Posten gekämpft hatten, das von der britischen Armee zerschossene Gebäude räumen und sich den Engländern ergeben. Obwohl die von Intellektuellen und Idealisten angezettelte Rebellion auf der ganzen Linie gescheitert war, riß die Brutalität, mit der die englischen Behörden ihre Führer aburteilten und erschießen ließen, viele Iren aus einer lähmenden politischen Gleichgültigkeit. Paramilitärische Verbände wie die IRA (Irish Republican Army) erhielten großen Zulauf, und nach einem fünfjährigen Guerillakrieg zogen sich die englischen Truppen aus dem Gebiet der heutigen Republik Irland zurück.

 

Nicht nur das General Post Office, dessen Schalterraum mit viel Messing und poliertem Holz ein Kleinod für sich ist, erinnert in Dublin an den legendären "Easter Rising". So gibt es eine Gedenkstätte mit Museum im ehemaligen Gefängnis von Kilmainham, in dessen Hof die Führer der Aufständischen den Erschießungskommandos gegenübertreten mußten. Auch das National Museum in der ... Street ehrt die Freiheitshelden von 1916 mit einer permanenten Sonderausstellung "The Road to Independence ". Auch darüber hinaus ist ein Besuch des des 1880 erbauten Museums, dessen von einer Kuppel überwölbten Rotunde übrigens der des Alten Museums in Berlin nachempfunden ist, überaus empfehlenswert. So sind hier neben den Sammlungen alter Navigationsinstrumente, bronzezeitlicher Goldgegenstände und keltisch-christlicher Artefakte viele der bei den Ausgrabungen am Wood Quay zu Tage geförderten Wikinger-Fundstücke zu bewundern.

Das meistbesuchte Kunstwerk Dublins freilich befindet sich nicht im National Museum, sondern im Trinity College, das 1592 von der englischen Königin Elizabeth I. gegegründet wurde. Bis zu 2000 Besucher täglich strömen in die ehemals protestantische Universität im Herzen der Stadt, die erst seit den 70-er Jahren des 20.Jahrhunderts auch katholischen Studenten offensteht, um in der Schatzkammer der Bibliothek einen Blick das Kleinod mittelalterlicher Buchkunst zu werfen. Für das um das Jahr 800 entstandene Werk, das in seinen vier Bänden die vier Evangelien beinhaltet, wurde das Pergament von 185 Kalbshäuten verbraucht. Vier Schreiber und der drei Buchmaler arbeiteten bis zu einen vollen Monat an einer einzigen der 680 liebevoll illustrierten, mit unendlich fein ziselierten keltischen Ornamenten versehenen Seiten.

 

Wer nach soviel geballter Kultur eine Erfrischung braucht, muß vom Trinity College aus nur um zwei Ecken gehen und ist schon in Bewleys Oriental Café. Vom Quäker Joshua Bewley im Jahr 1894 gegründet, ist Dublins bekanntestes Tee-, Kaffee- und Feinkostemporium eine Oase der Ruhe, die Wiener Kaffeehausatmosphäre in Grafton Street bringt. Seit Jahren schon eine Fußgängerzone, hat sich die früher extrem verkehrsreiche Straße zur schicksten Einkaufsmeile Dublins gemausert.

Frisch gestärkt kann man sich dann auf den Weg zum Dublin Castle machen, das sieben Jahrhunderte lang der Sitz der britschen Herrschaft in Irland war. Aus einer von den Anglo- Normannen im 13. Jahrhundert erbauten Burg, von der heute noch der bullige, runde Record Tower existiert, entwickelte sich im Lauf der Zeit ein vielgliedriger Gebäudekomplex, in dem sich die Prunkräume der früheren britischen Vizekönige verbergen, die man im Rahmen einer Führung besuchen kann.

Das Schöne an Dublin ist, daß viele Sehenswürdigkeiten der Stadt bequem zu Fuß zu erreichen sind. Die meisten liegen weniger als einen Kilometer von der Ha’penny Bridge entfernt, einer 1816 erbauten Fußgängerbrücke, die nahe der geographischen Mitte der Stadt über die Liffey führt. Die filigran geschwungene Gußeisenkonstruktion, erhielt ihren populären Spitznamen von dem halben Penny Brückenzoll, der bis 1919 bei ihrer Überquerung erhoben wurde. , Das Licht der Welt als Wellington Bridge, und heute heißt sie offiziell Liffey Bridge, auch wenn sie praktisch niemand so nennt. Umbenennung wurde die erst kürzlich renovierte und als Photomotiv äußerst beliebte Brücke nach dem Abzug der Engländer, als auch einige von Dublins Straßen ihen ist die breite, von Nord nach Süd auf die Liffey zulaufende Prachtstraße O’Connell Street, die bis 19.. Sackville Street hieß.

 

Von der Ha’pennybridge läßt es sich herrlich die Liffey entlang flanieren, entweder nach Osten den Bachelor’s Walk entlang zum Custom House oder in westliche Richtung auf die Four Courts zu. Wählt man letzteren Weg, sollte man an der O’Donovan Rossa Bridge den Fluß verlassen und sich die beiden im Süden gelegenen Kathedralen der Stadt, die Christchurch Cathedral und die St. Patricks Cathedral, die beide übrigens der protestantischen Church of Ireland gehören.

Die ältere der beiden mittelalterlichen Kirchen ist die Christchurch Cathedral, die der dort beigesetzte Anglo-Normanne Strongbow 1172 an Stelle einer 1038 erbauten hölzernen Wikingerkirche errichten ließ. Allerdings sind von der ursprünglichen Kirche nur noch wenige Bauteile - darunter Stücke des originalen Mosaikfußbodens - erhalten, denn die Kathedrale wurde in den 70-er Jahren des 19. Jahrhunderts von Grund auf renoviert. Bei dieser Gelegenheit wurde auch gleich eine im neugotischen Stil gehaltene Synodalhalle erbaut, die durch eine überdachte Fußgängerbrücke mit Christchurch Cathedral verbunden ist. Hier befindet sich heute eine Dublinia genannte Mischung aus Museum und Multimediaspektakel, das den Besucher in die Zeit zwischen 1170 - der Ankunft der Normannen- und 1540, der Schließung der Klöster versetzen will. Daß Dublina, im Gegensatz zu manch anderem multimedialen "Museumserlebnis" durchaus sehenswert ist, verdankt es hauptsächlich dem irischen Nationalmuseum, das sich mit großzügigen Leihgaben an dem Projekt beteiligt hat.

Der Kirchenchor der Christ Church Cathedral nahm übrigens an der Uraufführung von Georg Friedrich Händels "Messias" teil, der am 13. April 1742 nicht weit von der Kathedrale entfernt in Neal’s Music Hall unter der Leitung des Meisters selbst zur Uraufführung kam. Noch heute wird das Oratorium des deutschen Komponisten, der von ... bis ... in Dublin lebte, jedes Jahr dort in Ausschnitten zum besten gegeben.

Der Schriftsteller Jonathan Swift, der Autor von "Gullivers Reisen", war von Händels Komposition so angetan, daß er gesagt haben soll: "A german and a genius - a prodigy" (ein Deutscher und ein Genie - ein Wunder). Swift, ein gebürtiger Dubliner und Absolvent des Trinity College, war damals der Dekan der St. Patricks Cathedral. Eine Messingplatte halbrechts neben dem Eingang markiert dort noch heute das Grab des großen Satirikers, dessen bekanntestes Werk "Gullivers Reisen" unter anderem eine beissende Kritkik des damaligen Verhältnisses zwischen Irland und England ist.

Die St. Patricks Kathedral ist nicht nur mit ... Metern Länge die größte Kirche Irlands, sondern auch die Nationalkathedrale der protestantischen Church of Ireland. Der hölzerne Vorläufer dieser größten Kirche Irlands wurde im 12. und 13. Jahrhundert durch einen Steinbau ersetzt, der sich in seinen Grundzügen bis heute erhalten hat. Allerdings verfiel die Kirche im Laufe der Jahrhunderte zusehends. Als sie im 19. Jahrhundert zusehends verfiel, erschien die Rettung in Gestalt des Bierbrauers Sir Benjamin Lee Guinness, der sie in den Jahren 1864 bis 1868 von Sir Thomas Drew restaurieren und dem Geschmack der Zeit entsprechend "verschönern" ließ.

Der großzügige Spender war ein Nachfahre des legendären Arthur Guinness, dessen Namenszug noch heute jede Dose und Flasche des nach ihm benannten, weltberühmten Bieres ziert. Im Jahr 1759 kaufte er die kleine Rainsfords Brauerei am St. James’s Gate und fing an, sein bitter-dunkles "Stout" herzustellen, das schon bald reißenden Absatz fand. Heute werden hier auf 26 Hektar Firmengelände etwa 60 Prozent des in der Republik Irland getrunkenen Bieres hergestellt. Vor Jahren konnten Bierfreunde noch an Führungen durch die Brauerei teilnehmen, seit einiger Zeit aber ist der Öffentlichkeit nur noch das Guinness Visitors Centre im ehemaligen Hopfenspeicher in der Rainsford Street zugänglich.

Die Erzeugnisse der weltberühmten Brauerei jedoch kann man in Dubin praktisch an jeder Straßenecke in einer der zahlreichen Pubs genießen. So urig, wie sie mancher deutsche Reiseführer noch gerne darstellt, ist die Kneipenlandschaft der irischen Hauptstadt allerdings nicht mehr. Besonders im vielgepriesenen Vergnügungs- und ehemaligen Künstlerviertel Temple Bar haben sich in den letzten Jahren immer mehr neonglatte In-Bars für handyschwingende Yuppies breitgemacht, wie es sie in ähnlicher Form in jeder europäischen Großstadt gibt. Dagegen wurde so mancher traditionsreiche Pub umgebaut oder ganz einfach dichtgemacht. Vielleicht ist dieses schleichende Pubsterben einer der Gründe dafür, daß in Dublin immer mehr organisierte Kneipentouren für Touristen angeboten werden. Bei einer dieser dieser bezeichnenderweise pub crawl genannten Veranstaltungen wird man zum Beispiel durch die berühmtesten Musikkneipen der Stadt gelotst, bei einer anderem, dem "literary pub crawl" durch die Bewirtungsbetriebe, in denen beispielsweise James Joyce, der trinkfeste Brendan Behan und sogar der dedizierte Kneipenhasser William Butler Yeats zu Gast waren und wo man neben diversen Kostproben irischer Brauereierzeugnisse auch so manches, von Schauspielern rezitiertes Dichterwort goutieren kann. Ob der berühmte Werbeslogan Guinness is good for you allerdings tatsächlich zutrifft, wird so mancher "Kneipenkriecher", ganz gleich ob organisiert oder auf eigene Faust, bisweilen erst am "Morgen danach" feststellen.

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© Thomas A. Merk 2004