Textauszug aus dem Buch "Die Donau"

von Thomas A. Merk

Jugend eines eigenwilligen Flusses


Ausgerechnet bei einem ”Narrenabend” des Wiener Männergesangsvereins wurde er, in der Fassung für Männerchor und Klavier, dem geneigten Publikum zum ersten Mal zu Gehör gebracht. Niemand konnte damals, am 15. Februar des Jahres 1867, vorhersehen, daß zu den Klängen des Walzers ”An der schönen blauen Donau” von Johann Strauß etwas mehr als hundert Jahre später das Raumschiff in Stanley Kubricks Zukunftsfilm ”2001 - Odyssee im Weltraum” ebenso schwerelos und beschwingt durchs endlose All gleiten würde wie die Paare im Wien der Gründerzeit übers glänzende Parkett der Ballsäle.

Vermutlich fiel den wackeren Sangesbrüdern in ihrer Faschingsseligkeit damals auch nicht weiter auf, was für eine Kluft doch an manchen Stellen zwischen dem von Franz von Gernerth verfaßten Text und der Realität klaffte. So blau, wie es der beliebte Silvesterwalzer seinen Hörern weismachen will, war die Donau auch schon vor mehr als hundert Jahren nicht. Dabei hätte sich der Autor nur bei einem seiner Zeitgenossen kundig machen müssen:

”Die Donau hat ein aquamaringrünes Wasser, das meist etwas trüb ist und nur bei anhaltend schönem Wetter sich ganz durchklärt”, konstatierte 1856 der Regensburger Donaukundler Adalbert Müller, der übrigens auch gleich eine praktische Anwendung für das kühle Naß parat hatte: ”Ein Bad in den grünlichen Wellen gehört zu den angenehmsten Labsalen, welche man dem Leibe bereiten kann. Man trifft jetzt auch aller Orten an der Donau Badeanstalten, und die Aerzte verordnen in mancherlei Krankheiten statt eines Mineralbades das Donaubad.”

Auch wenn unsere heutigen Mediziner solcherlei Kuren in der Donau des Industriezeitalters wohl mit etwas mehr Skepsis als ihre damaligen Kollegen gegenüberstehen dürften, hat die Donau trotz Abwassereinleitungen und tiefgreifender Regulierungsmaßnahmen ihre Farbe behalten und präsentiert sich dem Reisenden auch heute noch in einer Palette von grünbraunen, olivgrünen und graugrünen Tönen, die von Blau zumeist keine Spur erkennen lassen.
Zur Ehrenrettung des Walzerkönigs und seines Textautors sei hier allerdings erwähnt, daß in Wien das Gerücht umgeht, der Strom solle zu ganz bestimmten Zeiten bei einer ganz bestimmten Windrichtung tatsächlich eine leicht bläuliche Färbung annehmen.

”Vom Schwarzwald her eilst du hin zum Meer”, heißt es in Gernerths hymnisch-romantisierendem Text. Den Griechen, die den Unterlauf der Donau "Ister" nannten und in der Antike vom Schwarzem Meer aus auf ihm Handel trieben, war dieser Verlauf des Stroms bei weitem noch nicht so klar. So vermutete Herodot im vierten Jahrhundert vor Christus die Quellen der Donau bei den Pyrenäen, während andere Gelehrte des Altertums sie im Harz, bei den Skythen, in einem ”Keltischen See” oder bei den sagenumwobenen Hyperboräern hoch über dem Polarkreis ansiedelten.

Noch bis in unsere Zeit hinein erhitzte die Frage, welches nun die richtige, offizielle Donauquelle sei, bisweilen recht heftig die Gemüter. Entspringt Europas nach der Wolga zweitlängster Fluß nun als Breg, ”1078 Meter über dem Meer, 2888 Kilometer von der Donaumündung entfernt, 100 Meter von der Wasserscheide zwischen Donau und Rhein, zwischen Schwarzem Meer und Nordsee”, wie es eine in einen Felsblock eingelassene Bronzetafel nördlich von Furtwangen, verkündet? Oder perlt das echte Donauwasser doch grünlich klar und leise glucksend in dem imposanten, von einer allegorischen Figurengruppe gekröntem Brunnenrondell im Park des Fürstenberg’schen Schlosses zu Donaueschingen? Immerhin hatten bereits die Römer, die um Christi Geburt bis an den Oberlauf der Donau vordrangen, hier den Ursprung des Flusses Danubius (lateinisch für Donau) vermutet.

Der Streit ist müßig, die Geographen haben sich längst geeinigt: Die beiden Schwarzwaldbäche Brigach und Breg, die nach einem altbekannten Merkvers ”die Donau zuweg” bringen, gelten als Quellflüsse des Stromes, der nach ihrer Vereinigung kurz unterhalb des Fürstenbergischen Schloßparks Donau genannt wird. Das hochherrschaftliche Rinnsal aus der fürstlichen Marmorbassin, deren Abfluß seit der Umgestaltung des Schloßparks im letzten Jahrhundert durch unterirdisch verlegte Röhren direkt in die Brigach plätschert, steuert dazu neben ein paar Kubikmetern Wasser den Glanz einer jahrtausendealten Tradition bei:
Leibhaftige römische Kaiser sollen diesen Ort schon besucht haben, lange bevor im Barock die kunstsinnigen und bierbrauenden Fürstenberger ihre illustren Gäste in diesem besonderen Born plantschen und hinterher allerlei gescheite Sprüche in ein "Quellenbuch" schreiben ließen. Neben einer Originalhandschrift des Nibelungenlieds gehört es heute zum wertvollen Bestand der vielgerühmten Schloßbibliothek.

Der ganze Quellenstreit ist ohnehin vergessen, wenn die neugeborene Donau Donaueschingen verlassen hat. Unternehmungslustig mäandert sie gurgelnd durch weite, feuchte Wiesen, an Birken, Weidenbüschen und mit Schilf verkleideten Fischerhütten vorbei, die aussehen wie ans Wasser gestellte Jägerstände ohne Leiter. Hier, wo er noch ganz den Enten, Schwänen und majestätisch aufsteigenden Fischreihern gehört, fällt es schwer, sich vorzustellen, daß dieser jugendlich muntere Fluß auf seiner weiten Reise acht europäische Länder berühren, gut 100 größere Flüsse mit über 35 000 kleineren und kleinsten Nebengewässern in sich aufnehmen und in seinem Unterlauf über einen Kilometer breit werden wird.
Während fast alle anderen wichtigen Ströme Europas in ihrem Lauf der Nord-Süd-Achse folgen, fließt die Donau bis weit nach Ungarn hinein unbeirrbar und eigensinnig von West nach Ost. Doch damit nicht genug der Kapriolen: Kaum ist sie gerade mal 20 Kilometer alt, begibt sie sich auf Entdeckungsreise ins Innere der Erde. An mehreren Versickerungsstellen vor und hinter dem Örtchen Immendingen verschwindet sie durch tiefe Kalksteinspalten im Karst. Während oben, zumindest im Hochsommer, ein ausgetrocknetes Flußbett zurückbleibt, tut sich drunten, in einem der größten Wasserhöhlensysteme der Erde,

Geheimnisvolles. Als wisse sie noch nicht so recht, wohin sie nun eigentlich will, zwängt sich die Donau durch ein ausgedehntes Labyrinth von Kavernen und Röhren und bildet im Kalkgestein riesige, unterirdische Seen. Später taucht sie nicht nur bei Tuttlingen in ihrem eigenen Bett wieder auf, sondern speist, nach einer über 50 Stunden dauernden Reise durch die Finsternis, mit ihrem Wasser auch den gut zwölf Kilometer weiter südlich und 185 Höhenmeter tiefer gelegenen Aachtopf. Aus dieser größten Quelle Deutschlands entspringt die Aach, ein Flüßchen, das nach wenigen Kilometern in den Bodensee mündet. Aus diesem wiederum fließt der Rhein, und so kommt es, daß die Donau ihrem Rivalen unter Mißachtung einer europäischen Wasserscheide einen nicht unerheblichen Teil ihres Wassers abtritt.

Dabei hätte sie eigentlich jeden Tropfen bitter nötig, denn mit der Schwäbischen Alb stellt sich ihr der erste der zahlreichen Gebirgszüge entgegen, die sie auf ihrem Weg zum Meer immer wieder auf malerischen Durchbruchstrecken überwinden muß. Obwohl am langen Lauf der Donau zum Schwarzen Meer noch so landschaftliche Leckerbissen wie die Weltenburger Enge, die Wachau und das Eiserne Tor warten, sind die etwa zwanzig Kilometer zwischen Fridingen und Thiergarten vielleicht die schönsten am ganzen Fluß.

Hier, wo ihr Tal so eng ist, daß neben Wasser und Eisenbahn eine Autostraße keinen Platz mehr hatte, befindet sich die Donau noch weitgehend in einem fast paradiesisch anmutenden Urzustand. Umgestürzte Bäume quirlen mit ihren Ästen das grau schimmernde, schilfgesäumte Wasser auf, in dem sich an ruhigen Stellen gelbliche, von unzähligen Höhlen durchfressene Felswände spiegeln. Einzelne Gesteinsblöcke haben Namen wie Knopfmacherfelsen, Stiegelefelsen oder Bettelmannfelsen und laden zum Klettern mit Seil und Haken ein. Wenn das gewundene Tal enger wird, schäumt die Donau in Stromschnellen gurgelnd über glitzernde Steine. Der Weg schmiegt sich hier so nah an die schroffen Hänge, daß man der gußeisernen Tafel gern Glauben schenkt, die da verkündet, der Albverein habe diesen Wanderpfad im Jahre 1901 ”im Kampf mit Wasser und Felsgestein” geschaffen. Nirgends an der oberen Donau gibt es eine Stelle, die von der Zivilisation weniger beleckt ist als diese, und wenn schließlich hinter den dichten Buchenwäldern die dunkelrote Turmzwiebel des Klosters Beuron auftaucht, möchte man zunächst seinen Augen nicht trauen.

Dabei war die malerische Flußschleife, wo das Felsental sich ein wenig weitet und sattgrünen Wiesen Raum gibt, bereits in der Steinzeit bewohnt. Seit immerhin fast tausend Jahren siedeln hier die Mönche - zuerst in einem Augustinerchorherrenstift, das 1687 zur Abtei erhoben und 1803 bei der Säkularisation aufgelassen wurde. 59 Jahre später übernahmen dann Benediktiner den mächtigen Barockbau am Donauufer, und unter deren Ägide wurde das Kloster 1884 zu einer Erzabtei. Heute betreiben die knapp hundert dort ansässigen Ordensbrüder nicht nur eine blühende Landwirtschaft und ihre eigene Klostermetzgerei, sie stellen auch über die Hälfte der 28-köpfigen Ortsfeuerwehr, sind stolz auf eine heute noch lebendige Malschule in der Art der Nazarener und wachen über eine der größten Klosterbibliotheken der Welt.

Davon, daß nicht nur geistliche Herren diesen Donauabschnitt zu schätzen wußten, zeugen zahlreiche Burgen und Burgruinen hoch auf den schroffen Felsen. Die imposantesten davon, die 1077 erstmals erwähnte Burg Wildenstein und das fürstenbergische Werenwang, auf dem im Dreizehnten Jahrhundert Hugo von Werenwang seine Minnelieder schrieb, sind heute noch intakt und bieten von ihren malerisch ausgesetzten Zinnen einen atemberaubenden Blick auf den Nationalpark Obere Donau.

Das Hohenzollernschloß in Sigmaringen markiert schließlich den Schlußpunkt des Albdurchbruchs der Donau. Seit dem Mittelalter wurde das heute über 200 Räume zählende Gebäude immer wieder verändert, erweitert und ergänzt, zuletzt nach dem Brand von 1893 im historisierenden Märchenschloßstil der damaligen Zeit. Noch immer in Familienbesitz, beherbergt es neben prächtigen Prunkzimmern und einer Unzahl von Geweihen eine der größten Waffensammlungen Europas.

Aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen stammte auch jener Prinz Karl Eitel Friedrich Zephyrin, der am 22. Mai 1881 in Bukarest zum rumänischen König Carol I. gekrönt wurde. Anläßlich dieses Ereignisses soll der Deutsche Kaiser Wilhelm I., ein Sproß des fränkischen Zweigs der Familie, zufrieden ausgerufen haben: ”Ein Hohenzoller an der Quelle der Donau und ein anderer an der Mündung - gar nicht so schlecht.”

Sehr lange allerdings hielt diese familiäre Klammer um den Strom nicht. In der deutschen Revolution von 1918 mußte Wilhelms Enkel und Namensvetter Wilhelm II. seiner Kaiserkrone für immer Lebewohl sagen. Die Erben von Carol dagegen konnten sich in Rumänien noch fast dreißig Jahre länger halten, erst 1947 zwangen die Kommunisten König Michael zum endgültigen Verzicht der Familie auf den Thron.

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© Thomas A. Merk 2003