Donegal
Der junge Mann sollte eigentlich nur die Rechnung bringen, aber jetzt legt er ein dickes, in schwarzen Karton gebundenes Buch neben die leeren Teetassen auf den Tisch.
Wenn Sie vielleicht ein paar Worte hineinschreiben wollen, sagt er zu den verblüfften Reisenden, die vor dem kleinen Coffee-Shop am Fanad Head in der Sonne sitzen.
Die Touristen, die sich nach einer ausgedehnten Wanderung über die Felsenkaps im Norden Donegals eigentlich nur mit Scones, kleinen, süßen, mit Rosinen versetzten Brötchen, und selbstgemachtem Rhabarberkuchen hatten stärken wollen, beginnen nach der ersten Verwunderung in dem gut zur Hälfte vollgeschriebenen Buch zu blättern.
Guter Tee, guter Kuchen, nette Bedienung, lesen sie, knapp und mit teutonischer Präzision direkt auf den Punkt gebracht, in ihrer eigenen Sprache. Ein paar Eintragungen später scheint dasselbe in Holländisch zu stehen, von einem Deutsch sprechenden niederländischen Touristen dankbar abgekupfert.
Die irischen Gäste verewigen sich da schon etwas poetischer in diesem seltsamen Gästebuch: To the nicest little Coffeeshop in the middle of nowhere.
Stimmt. Es gibt wohl keinen Ort in Irland, wo das Gefühl des Nirgendwo stärker ist als hier. Im hohen Norden Donegals ist man noch von einer Einsamkeit umgeben, wie man sie in Europa vielleicht am ehesten noch in Skandinavien und in den schottischen Highlands findet.
Hier wird noch jeder Wagen, der auf der Landstraße an einem vorbeifährt, mit einem freundlichen Winken begrüßt. Hier ist jeder weitgereiste Gast, und sei er nur für eine halbe Stunde und eine Tasse Tee da, eine so ungewohnte Sensation, daß man ihn bittet, sich mit ein paar Worten für die Nachwelt zu verewigen.
Weiter im Süden, wo sich Mensch und Landschaft längst an den Tourismus angepaßt haben, passiert einem so etwas kaum mehr. Aber auch in anderer Hinsicht fühlt man sich in dieser ärmsten Grafschaft der Republik manchmal in ein Irland zurückversetzt, das überall sonst auf der Insel seit gut zwei Jahrzehnten verschwunden ist.
Das geht mit dem Erhaltungszustand der Straßen an, die nirgendwo auf der Insel schlechter sind als hier oben im Norden der Republik. Besonders wenn man aus dem zum britischen Königreich gehörenden Nordirland mit seinen gut in Schuß gehaltenen Straßen nach Donegal einreist, fällt einem dieser Umstand eklatant ins Auge und macht sich nach einigen Kilometern bisweilen schmerzhaft in der Wirbelsäule bemerkbar.
Das beginnt schon an der gottverlassenen Grenzstation auf der Straße von Derry nach Letterkenny. Der junge Zöllner mit dem irischen Harfenenblem an der Mütze hat einen eben, ohne die Pässe anzusehen, über ein paar gelbbemalte, in der Straße eingelassene Schwellen in die irische Republik hinübergewinkt, da sind auch schon die ersten Schlaglöcher im Asphalt, liegt Sand in den Kurven, warten zentimeterlange Hufnägel, ein in Mitteleuropa längst ausgestorbener Schrecken der Landstraße, darauf, sich tief in die Pneus ahnungsloser Touristenautos zu bohren.
Vielleicht sind es gerade diese hundsmiserablen, verwinkelten, von Hecken und Steinwällen gesäumten Straßen, die auch beherzte Automobilisten zu einer sowohl Stoßdämpfer als auch Knochen schonenden Fahrweise zwingen, die einem hier in Donegal ein Gefühl der Abgeschiedenheit vermitteln. Weiter im Süden, auf dem vielgepriesenen und deshalb auch von unzähligen Touristenbussen befahrenen Ring of Kerry, kann man das, zumindest in den Sommermonaten, nicht mehr erleben.
Hier aber verbirgt sich hinter jedem Straßenmeter, hinter jeder Kurve eine neue Überraschung: Einmal sind es dumm dreinblickende, schwarzgesichtige Schafe, die sich mitten auf der Fahrbahn zu einem Nachmittagsschläfchen niedergelassen haben. Ein andermal eine Kuh mit Kalb, die gerade aus dem Straßengraben auftaucht. Und ab und an eröffnet sich hinter einer farnbewachsenen, meterhohen Steinmauer unvermittelt der atemberaubender Ausblick auf ein mit violettem Heidekraut überwuchertes Kap vor einem tiefblauen Meer, dessen schier endlose Wasserfläche sich im Dunst verliert.
Schnellstraßen oder gigantische Brückenbauprojekte, die anderswo zügiges Fortkommen gestatten, sucht man in Nord-Donegal - wie in den meisten anderen Teilen Irlands auch - vergeblich. Hier will jeder Kilometer erfahren, erobert, erlebt und manchmal auch erlitten sein. Oft zwingt die Straßenführung zu langen, Umwegen um sich immer wieder sich verästelnde Meeresarme und tief eingeschnittenen Flußmündungen, deren schmalste Stelle man dann auf malerisch geschwungenen, engen Steinbrücken überquert. Hier, wo sich Land und Meer ganz eng ineinander verkrallt haben, muß man im Extremfall an die hundert Straßenkilometer in Süd- und Nordrichtung hinter sich bringen um fünf Kilometer nach Westen voranzukommen.
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