Textauszug aus dem Buch "Auf König Ludwigs II Spuren"

von Thomas A. Merk

1. Der Mythos vom Märchenkönig

Das tragische Leben Ludwigs II.


Eigentlich hätte es ja Otto Friedrich Wilhelm heißen sollen, das "holde Knäblein", das Marie Friederike, die preußische Gattin des bayerischen Kronprinzen Maximilian, am 25.August 1845 um 0 Uhr 30 in Schloß Nymphenburg zur Welt brachte. Weil aber auf die Stunde genau vor 59 Jahren auch König Ludwig I., der Großvater des neuen Erbprinzen, geboren worden war, benannten die stolzen Eltern das Kind noch in seinen ersten Lebenstagen in Ludwig Friedrich Wilhelm um. Mit 101 Kanonenschüssen wurde den Bürgern im nahen München die Geburt des Thronfolgers verkündet.

Ludwigs Kindheit war im wahrsten Sinn des Wortes kein Zuckerschlecken: Für die Sprößlinge der bayerischen Herrscherfamilie, die sich bei Tisch nicht einmal richtig satt essen durften, war das Naschen von Süßigkeiten ebenso tabu wie verschwenderischer Umgang mit dem äußerst knapp bemessenen Taschengeld. Daß die spartanische Erziehung, die einen künftigen Herrscher Demut und Sparsamkeit lehren sollte, bei Ludwig II. gefruchtet hat, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden: Später, als König, entwickelte er eine ausgeprägte Neigung zur Völlerei und einen - sich vor allem in einer ungezügelten Bauwut manifestierenden - Hang zum Geldausgeben.

Als Ludwig 1864 im Alter von nicht einmal 19 Jahren seinem überraschend verstorbenen Vater auf den Thron folgte, war er ein König wie aus dem Bilderbuch. Jung, gutaussehend und voller neuer Ideen eroberte er die Herzen seines Volkes im Sturm. Bald jedoch mußte der gekrönte Idealist erkennen, daß die bereits von seinem Urgroßvater verabschiedete bayerische Verfassung von 1818 der königlichen Machtentfaltung enge Grenzen setzte. Zudem verstand eine weitgehend selbständig agierende Ministerialbürokratie die Entscheidungen des Monarchen meisterhaft zu blockieren und zu boykottieren.

Die Zeit, in die Ludwig hineingeboren wurde, trug ein übriges zu seiner bald einsetzenden Regierungsmüdigkeit bei. Trotz der Abscheu des Königs gegen alles Militärische wurde Bayern in den Preußisch-Deutschen Krieg von 1866 und den Deutsch-Französischen Krieg von 1871 mit hineingezogen. Sehr zu Ludwigs Mißfallen erzwang der preußische Ministerpräsident und Außenminister Otto von Bismarck mit diesen Waffengängen die Einigung Deutschlands zu einem unter preußischer Vorherrschaft stehenden Kaiserreich, von Ludwig später bisweilen "das elende deutsche Reich" genannt. Der Monarch sah mit dem Verlust der staatlichen Souveränität Bayerns auch seine Königswürde herabgesetzt. Daß er auf Drängen seiner Berater auch noch den sogenannten "Kaiserbrief" schreiben mußte, mit dem er als der Herrscher des zweitgrößten deutschen Staates dem preußischen König Wilhelm I. formell die deutsche Kaiserwürde antrug, empfand Ludwig als zusätzliche Demütigung.


Auf die Enttäuschungen der rauhen Wirklichkeit reagierte Ludwig mit Flucht. So oft er konnte, zog er sich aus seiner ungeliebten Hauptstadt München in die damals noch kaum vom Tourismus berührten bayerischen Berge zurück. Er entfloh in das Reich des Theaters und der Oper, und er flüchtete vor allem in eine künstliche Welt, die er sich mit seinen Schlössern schuf. Je weniger Ludwig II. in seinem von preußischem Zentralismus gegängelten und von einer bayerischen Ministerialbürokratie verwalteten Land zu sagen hatte, desto prächtiger ließ er diese Refugien seiner Phantasie ausstatten. In ihnen zelebrierte er das absolutistische Königtum seines französischen Namensvetters Ludwigs XIV. oder lebte mystische Gralsphantasien aus, die sein Freund Richard Wagner mit seinen Opern in ihm geweckt hatte

Als hätte er geahnt, daß ihm nicht mehr viel Zeit zum Bau seiner Schlösser blieb, spornte Ludwig Architekten und Bauarbeiter, Maler und Möbelschreiner beständig zu äußerster Eile an. Weil schließlich die Baukolonnen an allen drei Schlössern gleichzeitig tätig waren, geriet er in finanzielle Schwierigkeiten. Die heillose Verschuldung seiner persönlichen Kabinettskasse war auch der eigentliche Grund für die Absetzung des Königs: Am 9.Juni 1886 wurde er von vier Irrenärzten für geisteskrank erklärt, und sein Onkel Prinz Luitpold übernahm die Regierung. Vier Tage später war König Ludwig II. tot.


Sein rätselhaftes Ende im Starnberger See konnte nie gänzlich aufgeklärt werden, aber nicht nur deshalb beschäftigt der Märchenkönig, dessen Leben alles andere als märchenhaft war, bis auf den heutigen Tag Historiker, Fan-Clubs und Romantiker in aller Welt. Als von seiner Zeit unverstandener Monarch, dem die Kunst stets wichtiger war als die Politik, als unermüdlicher Bauherr und nicht zuletzt als selbstloser Förderer der Opern Richard Wagners wird er für immer unvergessen bleiben.

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© Thomas A. Merk 2003