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Textauszug aus dem Buch "Der Main" von Thomas A. Merk Von Apostelkrügen und Nibelungenklößen Am Roten und Weißen Main Wenn Flüsse sich ihre Lieblingsfarben aussuchen könnten, dann wären diese beim Main vermutlich Weiß und Rot. Schließlich besteht das Wappen des Frankenlands, in dem der Fluß einen Großteil seines Laufs zurücklegt, aus einem weiß-roten Zackenmuster, und an den Hängen des Mains wächst neben weißem in zunehmenem Maße auch roter Wein, der in fränkischen Kellern den Weg in die Bockbeutel findet, die charakteristischen, bauchigen Flaschen der Region. Und dann heißen die beiden Quellflüsse des Mains, die sich kurz hinter Kulmbach zum Hauptstrom vereinigen, auch noch Roter und Weißer Main, und ihre Quellen greifen ebenfalls das Farbenspiel auf: So rinnt das Wasser des Roten Mains im Lindenharter Forst aus einem dünnen Holzrohr in ein kleines Becken aus rotem Sandstein, während die 30 Kilometer entfernt im Fichtelgebirge gelegene Weißmainqelle zwar nicht von weißen, aber immerhin grauen Granitquadern markiert wird. Zu ihren Namen sollen die beiden Quellflüsse - folgt man einem von vielen Deutungsversuchen - übrigens tatsächlich durch ihre Farbe gekommen sein. Das Wasser des Roten Mains nämlich hat zur Zeit der Schneeschmelze eine rötlichbraune Farbe, die auf Verwitterungsprodukte eisenhaltiger Keupergesteine zurückgeht. Der Weiße Main hingegen, der sich durch den grauen Granit des Fichtelgebirges seinen Weg sucht, bleibt klar. Von den beiden Bruderflüssen ist der Weiße Main eindeutig der lebhaftere. Kurz nachdem er an der Ostflanke des 1024 Meter hohen Ochsenkopfes ans Tageslicht tritt, wird er durch zahlreiche Zuflüsse zu einem ansehnlichen Bach verstärkt, der in kleinen Wasserfällen und Kaskaden die Granitfelsen des Fichtelgebirges hinunterschäumt. Dunkle Fichtenwälder haben dieser stillen Berglandschaft ihren Namen gegeben, die für manche zu den schönsten Deutschlands zählt. Hier, wo heute Erholungssuchende und Kurgäste auf langen Wanderungen eine Stille genießen, die man woanders so nicht mehr findet, war jahrhundertelang ein Zentrum des Metallbergbaus. Ortsnamen wie Goldkronach oder Goldmühl erinnern daran, daß unter den dunkel bewaldeten Hängen auch nach edleren Metallen als Eisen geschürft wurde. Der Bergbau im Fichtelgebirge war bereits im Mittelalter so bedeutend, daß zeitweise nirgendwo in Deutschland mehr Gold gefördert wurde als hier. Später kamen mit Holzkohle befeuerte Schmelzöfen und von Mühlrädern angetriebene Hammerwerke dazu, die allerdings im 19. Jahrhundert unrentabel wurden. Heute erinnert an diese alte Bergwerkstradition der Museumsstollen des ehemaligen Silbereisenbergwerks Gleißinger Fels, wo man wie ein Grubenarbeiter ausgerüstet in den Berg einfahren kann. Tut sich der weiße Main hauptsächlich durch seine landschaftlichen Schönheiten und beschauliche Kurorte wie Bischofsgrün und Bad Berneck hervor, so wird der Kunstliebhaber eher am roten Main fündig, der sich gemächlich durch sanfte Täler und Wiesengründe schlängelt. Der Reigen der Kulturschätze beginnt nur wenige Kilomter von der Quelle entfernt in dem 360 Einwohner zählenden Ort Lindenhart, dessen wuchtige, aus warmbraunen Sandsteinquadern errichtete Dorfkirche ihre Vergangenheit als Wehrkirche nicht leugnen kann. Hinter diesen dicken Mauern verbarg sich, ohne daß die Lindenharter etwas davon geahnt hätten, 250 Jahre lang ein Kunstwerk von internationalem Rang. Die merkwürdige Geschichte begann im Jahr 1684, als der Ort samt Kirche einem verheerenden Brand zum Opfer fiel, den nur "fünf Häuslein" heil überstanden. Als das Gotteshaus nach der Katastrophe neu eingerichtet werden mußte, griffen die Bewohner des wohlhabenden, nördlich von Bayreuth gelegenen Ortes Bindlach den Lindenhartern unter die Arme und schenkten ihnen einen 1503 entstandenen Flügelaltar, den sie 1665 bei der Barockisierung ihrer Pfarrkirche durch einen neuen Kanzelaltar ersetzt hatten. Die dankbaren Lindenharter stellten den Altar in ihr wieder hergerichtete Kirche, aber erst im Jahr 1915 entdeckte der Kunstgeschichtler Karl Sitzmann, daß die Rückseite und die Flügel des Altars von keinem anderen als Mathias Gothard Nithard Grünewald stammten, einem der bedeutendsten Maler seiner Zeit. Daß das Frühwerk des großen Künstlers nicht die charakteristisch kräftigen Farben seiner späteren Malerei aufweist, hat einen ganz banalen Grund: Weil man die "Werktagsseite" des Altars für weniger wertvoll gehalten hatte als die mit vergoldeten Schnitzereien ausgestattete "Feiertagsseite", hatte man in Lindenhart nichts dagegen getan, daß unter den Strahlen der jahrhundertelang ungehindert durch die Fenster einfallende Sonne die Farben der Grünewald-malerei langsam ausgeblichen waren. Nur an einer Stelle, wo eine Stützstrebe einen Schatten auf das Bild der vierzehn Nothelfer warf, hat sich die ursprünglich viel kräftigere Farbgebung des Altars erhalten Farbenfroh ging es auch auf den Steingutkrügen zu, die früher ein begehrter Exportartikel der reizvoll auf einem Hügel über dem roten Main gelegenen Stadt Creußen waren. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts stellte man hier die berühmten "Apostelkrüge" her, die auf dunklem Grund buntbemalte Reliefs der zwölf Jünger Christi zeigten. Solche und andere Trinkgefäße, auf denen Jagdszenen, Planeten oder Fürsten dargestellt sind, kann man im Krügemuseum von Creußen besichtigen, das in einem alten Tor der noch weitgehend erhaltenen Stadtmauer untergebracht ist. Sehenswert sind in Creußen außerdem das spätgotische Rathaus mit kleinen Läden im Erdgeschoß, in denen früher Fleisch und Brot verkauft wurden, sowie das kommunale Brauhaus am Marktplatz. Hier, wo sich heute ein evangelisches Gemeindezentrum befindet, ließen einst die Creußener Wirtschaften gemeinsam ihr Bier brauen. Das seit 1810 zu Bayern gehörende Creußen lag früher im Herrschaftsgebiet der Markgrafen von Kulmbach-Bayreuth. Den Titel Markgrafen trugen diese Fürsten deshalb, weil ihnen im 15. Jahrhundert auch die Mark Brandenburg gehörte, die Keimzelle des späteren Königreichs Preußen. Zunächst hatten die Markgrafen ihre Residenz im weiter flußabwärts gelegenen Kulmbach, bis Markgraf Christian sie im Jahr 1603 nach Bayreuth verlegte, das im Jahr 1194 als Baierrute - die Rodung der Bayern - zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Seine Blütezeit erreichte Bayreuth unter dem Markgrafen Friedrich und seiner Frau Wilhelmine, der Schwester des legendären "Alten Fritz", des Preußenkönigs Friedrich II. Als Wilhelmine 1732 den Erbprinzen Friedrich von Bayreuth heiratete, fühlte sie sich in dessen provinziell verschlafener Heimatstadt zunächst nicht sonderlich wohl. Das sollte sich schlagartig ändern, als 1735 der alte Markgraf starb und Wilhelmine zusammen mit ihrem Mann darangehen konnte, die Residenzstadt ihres kleinen Fürstentums gründlich zu modernisieren. Noch heute prägen die Bauten des Herrscherpaares entscheidend das Gesicht der oberfränkischen Metropole. Einer der Höhepunkte des von Friedrich und Wilhelmine ins Leben gerufenen "Bayreuther Rokoko" sind die Neubauten in der Eremitage, einem fürstlichen Park vor den Toren der Stadt. Hier ließ sich Wilhelmine ein prächtiges Gartenschloß errichten, das für sie so etwas wie ein Konkurrenzprojekt zum Potsdamer Schloß Sanssouci ihres Bruders war. Aber auch Bayreuth selbst haben der Markgraf und seine Frau so glanzvoll umgestaltet, daß selbst der heutige Besucher noch das Gefühl hat, sich in einer - wenn auch kleinen - Hauptstadt zu befinden. Als ein Unikum unter den Fürstenschlössern seiner Zeit gilt das Neue Schloß in der Ludwigsstraße, das eine kuriose Baugeschichte hat: Im Alten Schloß, das als Burg bereits im 13. Jahrhundert bestand und im 16. und 17. Jahrhundert seine heutige Gestalt erhielt, brach am 26. Januar 1753 ein Feuer aus. Der Brand, dessen Ursache angeblich eine Unachtsamkeit des Markgrafen war (er soll vergessen haben, in seiner Gemäldegalerie eine Kerze zu löschen), äscherte fast die ganze Residenz ein. Das Schloß wurde zwar später wieder aufgebaut, aber der Markgraf und Wilhelmine, denen ihre Behausung schon seit längerem nicht mehr repräsentativ genug gewesen war, sahen sich dennoch nach einer neuen Bleibe um. Auf dem Gelände der ehemaligen markgräflichen Reit- und Rennbahn wurden sie fündig. Hier hatte der Architekt Joseph St. Pierre soeben den Neubau der Reformierten Kirche fertiggestellt. Nun fiel dem markgräflichen Hofbaumeister die anspruchsvolle Aufgabe zu, die Kirche und mehrere daneben stehende Wohnhäuser in einen einheitlich wirkendenden Schloßbau zu integrieren. Er hat sie erstaunlich gut gemeistert, denn heute sieht man es der Fassade des langgestreckten Gebäudes nicht mehr an, daß es ursprünglich eine aus vorhandener Bausubstanz zusammengewürfelte Notlösung war. Bei der Inneneinrichtung des Schlosses hat Markgräfin Wilhelmine höchstpersönlich mitgewirkt: So entwarf sie nicht nur ihre eigenen Wohn- und Prunkräume, unter denen das mit bizarr geformten Spiegelstücken und chinesisch anmutenden Stuckdekorationen versehene "Spiegelscherbenkabinett" wohl der außergewöhnlichste sein dürfte, sondern stattete sie teilweise auch mit selbstgemalten Bildern aus. Noch mehr am Herzen lag Wilhelmine jedoch das in ihrem Auftrag errichtete Markgräfliche Opernhaus. Von außen erinnert das ebenfalls unter der Leitung von Joseph St. Pierre entstandene Bauwerk ein wenig an das Neue Schloß, in seinem Inneren aber befindet sich einer der schönsten Theaterräume Deutschlands, in dem es von goldumrankten Säulen und verspielten Barockornamenten nur so wimmelt. Bei den wenigen übers Jahr stattfindenden Konzerten oder konzertanten Opernaufführungen wissen manche Zuschauer nicht so recht, ob sie sich nun auf die Musik konzentrieren oder die Blicke lieber über die in drei Galerien angeordneten, reichverzierten Logen schweifen lassen sollen. Man kann aber das Opernhaus der Markgräfin Wilhelmine auch besichtigen, wenn dort keine Veranstaltungen stattfinden und sich in diesem barocken Juwel in eine Zeit zurückversetzen lassen, in der die kunstsinnige Fürstin hier für ihren zu Besuch weilenden Bruder Friedrich den Großen die Oper "L’Huomo" von Andrea Bernasconi aufführen ließ, die sie mit einem neuen Text aus ihrer eigenen Feder versehen hatte. Hört man heute allerdings das Wort "Oper" im Zusammenhang mit Bayreuth, so denkt man auf Anhieb an Richard Wagner und die Bayreuther Festspiele. Im Jahr 1872 kam der vom bayerischen König Ludwig II geförderte Tonkünstler in die seit 1810 zu Bayern gehörende Stadt. Noch im selben Jahr legte er hier am 22. Mai, seinem 59. Geburtstag, den Grundstein für sein seit Jahrzehnten geplantes Festspielhaus. Vier Jahre später, am 13. August 1876, wurde der von Otto Brückwald entworfene Backsteinbau mit der Aufführung von "Rheingold" feierlich eröffnet. Schon damals strebte viel Prominenz aus Politik und Kunst - darunter sogar der deutsche Kaiser Wilhelm I. - auf den "grünen Hügel", dessen Besuch zur Festspielzeit auch heute noch den Reichen und Mächtigen neben dem Musikgenuß reichlich Gelegenheit zur Selbstdarstellung bietet. Wagnerfans, die keine der begehrten Festspielkarten ergattern, können dem Andenken an den Meister das ganze Jahr über mit einem Besuch des Wagnermuseums in der Villa Wahnfried huldigen. Das tun sie auch ausgiebig, was nicht nur die Blumen auf der steinernen Grabplatte bezeugen, unter der Richard und Cosima Wagner im Garten ihres ehemaligen Wohnhauses liegen. Sogar das ein paar Meter entfernte Grab des wagner’schen Hundes Russ schmücken begeisterte Wagnerianer bisweilen mit frischem Grün. Drinnen im Haus tönen dem Besucher vom Tonband die Klänge des Meisters entgegen, und anhand unzähliger Exponate kann er sich über Wagners Leben und Werk ebenso informieren wie über die bewegte Geschichte der Bayreuther Festspiele. Auch die schwierigen Jahre 1933 bis 1945 werden nicht ausgespart, in denen sich die Nationalsozialisten des Erbes von Hitlers Lieblingskomponisten bemächtigten. Diese für die Wagnerrezeption nicht unproblematische Zeit gipfelte in den von 1940 bis 1944 abgehaltenen "Kriegsfestspielen", bei denen speziellen "Führergästen" - meist verwundeten Soldaten - neben ihren Opernbilletts auch gleich die Eintrittskarten für die auf dem Grünen Hügel errichteten Luftschutzbunker in die Hand gedrückt wurden. Einem Wagnerkult der eher heiteren Sorte begegnet man im "Kuriositätenkabinett" des Museums, in dem neben Hut und Hausrock des Meisters und allem nur erdenklichem Wagner-Kitsch auch die Speisekarten eines "Café Sammet" ausgestellt sind. Dieses außergewöhnliche Etablissement verwöhnte vor dem Ersten Weltkrieg seine Gäste nicht nur mit "Siegfriedschnitzel", "Brünhildenbeefsteak" und "Nibelungenklößen", sondern wußte wagnerselige Gourmets auch mit "gefüllter Schwanenbrust á la Lohengrin", "Wotanschinken á la Walhall" oder "Götterdämmerungs- Haxen" zu entzücken. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jede Wiedergabe, ob in gedruckter oder elektronischer Form bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Autors, die Sie unter folgender E-Mail-Adresse beantragen können: info@merkwelt.de |
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© Thomas A. Merk 2004 |
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