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Textauszug aus dem Buch "Norwegen" von Thomas A. Merk Nationalparks und Olympische Ringe Lillehammer mit Freilichtmuseum Maihaugen "Ist ja total irre", sagt der junge Mann aus Oslo begeistert und klopft mit der flachen Hand liebevoll an die Wand des Steuerhauses vor dem schwarz-weiß gestrichenen Schornstein. "Mit diesem Schiff ist schon mein Großvater gefahren." "Und vielleicht sogar dein Urgroßvater", ergänzt der Mann mit der Videokamera neben ihm an der Reling in leicht belehrendem Ton. Er hat damit nicht einmal unrecht. Schließlich ist der Skibladner, der sich mit der behäbigen Geschwindigkeit von 13 Knoten in der Stunde über den cirka 150 km nördlich von Oslo gelegenen Mjøsa-See schaufelt, der älteste Raddampfer der Welt, der noch im regulären Linienverkehr unterwegs ist. Montags, mittwochs und freitags geht die Fahrt von Gjøvik, am Westufer des Sees, nach Eidsvoll am Südende, dienstags, donnerstags und samstags nach Lillehammer an der Nordspitze des Sees. Anno 1856 in Dienst gestellt, war das 50 Meter lange Schiff bis zum Bau der Ufer-Eisenbahn in den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts zusammen mit bis zu 40 weiteren Dampfern das mit Abstand wichtigste Verkehrsmittel Ostnorwegens. Nicht nur Post und Passagiere wurden damals, als Pferdefuhrwerke auf den noch unbefestigten Straßen bisweilen bis zu den Achsen im Morast versanken, per Schiff befördert, sondern auch alle möglichen Güter des täglichen Bedarfs. Der gut 100 km lange Mjøsa-See bot sich als natürliche Wasserstraße geradezu an und verband, zusammen mit der 1854 eröffneten ersten norwegischen Eisenbahnstrecke zwischen Oslo und Eidsvoll, die Hauptstadt optimal mit dem fruchtbaren Gudbrandsdal im Norden. Hinzu kam, daß der See mitten in einer der Kornkammern Norwegens liegt, in der schon in der Steinzeit vor 5000 Jahren erster Ackerbau betrieben wurde und nach deren landwirtschaftlichen Produkten in der Mitte des im vorigen Jahrhunderts stark gewachsenen Oslo (damals hieß es noch Kristiania) eine große Nachfrage bestand. Für schnöde Frachtfahrten mit Korn und Kartoffeln war sich der schlanke Skibladner allerdings schon immer zu fein. Schließlich war er zur Zeit seiner Indienststellung und noch lange danach das schnellste und luxuriöseste Schiff auf dem ganzen See. Wie luxuriös, davon können sich auch die heutigen Fahrgäste noch ein Bild machen, die sich im Speisesaal Erster Klasse des erst kürzlich grundlegend restaurierten Schiffes das Bordmenü mit Lachs und Erdbeeren schmecken lassen. Während weiter vorn im Schiff fast vibrationslos die 606 PS leistende Dampfmaschine aus dem Jahr 1880 werkelt, macht man es sich zwischen Plüsch und poliertem Messing im Herresalongen, Damesalongen oder im Røkesalongen, dem Rauchsalon, bequem. Vielleicht studiert man amüsiert im Prospekt der Oppländischen Dampfschiffsgesellschaft den Hinweis, daß an Bord geschriebene Postkarten vom Kapitän persönlich abgestempelt werden und daß man für 150 norwegische Kronen zu besonderen Anlässen aus einer der vier kleinen, messingnen Signalkanonen des Skibladner einen Salutschuß abfeuern lassen kann. Oder man geht hinauf an Deck und läßt das üppige Panorama der Provinz Oppland an sich vorbeiziehen: Hellgrüne Wiesen, dunkelgrüne Wälder und gelb wogende, für die eher karge Landschaft Norwegens nicht gerade typische Kornfelder. Nach einer Fahrt von zweieinhalb Stunden - die meisten Fahrgäste stehen schon auf dem Vordeck ziehen die Riemen ihrer Rucksäcke stramm oder verstauen noch rasch etwas auf den Gepäckträgern ihrer mitgenommenen Fahrräder - betätigt der Kapitän irgendwann einmal den altertümlichen Maschinentelegraphen, und die mächtigen, über vier Meter hohen Schaufelräder in den verzierten Kästen zu beiden Seiten des Schiffes peitschen im Rückwärtsgang das stille Wasser des Sees zu quirlendem Schaum. Majestätisch gleitet der Skibladner, der seinem Beinamen "Der weiße Schwan vom Mjøsa-See" jetzt alle Ehre macht, auf den Anlegesteg von Lillehammer zu. Ein Blick vom Deck des Schiffes in Richtung auf die 23.000- Einwohnerstadt läßt nicht viel mehr als ein paar Häuser vor grünen Berghängen und einen großen Verbrauchermarkt direkt am Seeufer erkennen, ein Blick ins Gesicht so manchen Passagiers offenbart milde Enttäuschung. Die meisten haben von Lillehammer wohl noch ganz andere Bilder im Kopf. Kein Wunder, denn schließlich war, als im Februar 1994 die Pisten, Arenen, Hallen und Schanzen der XVII. Olympischen Winterspiele über die Fernsehschirme der Welt flimmerten, hier alles tief verschneit, und das Thermometer zeigte klirrende Minusgrade. "Ein modernes Wintermärchen nicht ohne Hüttenromantik" hat ein bekannter deutscher Sportmoderator im Nachhinein die Stimmung dieser zwei Wochen genannt, und so oder ähnlich werde viele Menschen - ob sie persönlich oder via Medien dabei waren - diese Spiele wohl auch noch lange im Gedächtnis behalten: Von der Eröffnungsfeier, bei der 2000 Mitwirkende im Olympiapark von Lillehammer eine farbenfrohe Revue norwegischer Trachten, norwegischen Brauchtums und norwegischer Volksmärchen darboten, bis hin zu den oft bis zu 100.000 Zuschauern, die trotz schneidender Kälte auf Langlaufskiern zu den Loipen und Schanzen rutschten, mit geradezu südländisch anmutender Begeisterung norwegische Fähnchen schwenkten und alle Athleten, gleich welcher Herkunft, zu Höchstleistungen anspornten. Die Spiele von Lillehammer, darüber herrschte bei Journalisten und Publikum eine Einigkeit wie schon lange nicht mehr, waren nach der gigantischen "Materialschlacht" vier Jahre zuvor in Albertville geradezu ein Musterbeispiel für maßvolle Bescheidenheit. Obwohl die ursprünglich auf 340 Millionen Mark veranschlagten Kosten für Olympia schließlich doch auf 1,75 Milliarden anwuchsen, wurde hier nicht im großen Stil abgeholzt und zubetoniert, plattgewalzt und kaputtinvestiert. Im Gegenteil, ein nicht unerheblicher Teil der Mehrkosten dürfte darauf zurückzuführen sein, daß zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele der Umweltschutz bei den Planungen entscheidend zur Geltung kam: In Hamar, am Ostufer des Mjøsa-Sees, wurde zum Beispiel der ursprünglich geplante Standort der großen Eissporthalle, die wegen ihrer außergewöhnlichen Form auch "das umgedrehte Wikingerschiff" genannt wird, extra wegen eines Vogelschutzgebietes verlegt. Nicht nur die Straßen in der Umgebung wurden gründlich ausgebaut, sondern auch die Bahnstrecke entlang des Mjøsa-Sees wurde samt Bahnhöfen "runderneuert", außerdem bekam die ganze Region für 65 Millionen Mark ein komplett neues Kanalisationsnetz spendiert. Zur Zeit der Wettkämpfe selbst waren 3000 Soldaten der norwegischen Armee allein damit beschäftigt, den Müll von Olympioniken und Zuschauer zu trennen. Die Journalisten bekamen ihre Snacks auf Tellern aus kompostierbarem Kartoffelmehl zusammen mit Besteck aus gestärktem Mais serviert, und selbst für die Siegestreppchen zur Medaillenverleihung, die anderswo aus Holz oder Kunststoff gefertigt werden, hatten sich die findigen Norweger etwas ebenso pfiffiges wie umweltschonendes einfallen lassen: In Lillehammer baute man diese bei den Sportlern heißbegehrten "Standorte" zum Teil aus Schnee und Eis, was im Frühling ihre nahezu rückstandsfreie Entsorgung garantierte. Bei soviel Engagement für Umwelt und Natur verwundert es nicht, daß sich auch das nacholympische Lillehammer durchaus sehen lassen kann. Es ist zwar nicht mehr die verschlafene Provinzstadt früherer Tage, aber größenwahnsinnig ist man hier gottseidank auch nicht geworden. Weil es sich für internationale Hotelketten nicht rechnete, bloß wegen der zwei Olympia-Wochen sündteure Luxusburgen hochzuziehen, wurden viele Gäste in Privatquartieren untergebracht, und der Stadt blieb ihre charakteristische, aus ein- und zweistöckigen Holzhäusern bestehende Bebauung weitgehend erhalten. Die Neubauten, die dennoch hinzugekommen sind, fügen sich im großen und ganzen recht gut ins allgemeine Ortsbild ein und setzen zudem teilweise recht interessante architektonische Akzente. Als Beispiel dafür mag der Neubau Neubau der Gemäldesammlung Lillehammer am Stortorg (dem großen Markt) dienen, dessen Fassade aus hellem Holz einen reizvollen Blickfang darstellt. Dahinter verbirgt sich übrigens die drittgrößte Kunstgalerie des Landes, deren besonderer Schwerpunkt die moderne norwegische Malerei ist. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jede Wiedergabe, ob in gedruckter oder elektronischer Form bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Autors, die Sie unter folgender E-Mail-Adresse beantragen können: info@merkwelt.de |
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© Thomas A. Merk 2004 |
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