Textauszug aus dem Buch "Der Pfaffenwinkel"

von Thomas A. Merk

Im Land des Blauen Reiters

Von Benediktbeuern nach Murnau

Der Dichterfürst war angetan: "Benediktbeuern liegt köstlich und überrascht beim ersten Anblick", schreibt Johann Wolfgang von Goethe am 7. September 1786 auf dem Weg von München nach Mittenwald ins Tagebuch seiner Italienischen Reise. Im Vorbeifahren notiert er: "In einer fruchtbaren Fläche ein lang und breites weißes Gebäude und ein breiter hoher Felsrücken dahinter", dann ist er mit den Gedanken schon wieder eine Station weiter, im Gebirge, hinter dem Italien, sein ersehntes "Arkadien" liegt.

Wenn man sich heute der mächtigen Anlage von Benediktbeuern nähert, sollte man sich ruhig ein wenig mehr Zeit nehmen als weiland der größte deutsche Dichter. Ohne Eile kann man auch viel besser nachvollziehen, was damals sein Auge so erfreut hat. Genau wie vor 200 Jahren ragen noch heute die beiden schlanken Zwiebeltürme der barocken Basilika vor der dunklen Benediktenwand in den bayrischen Himmel, und noch immer liegt der ausgedehnte Komplex der Klosterbauten mitten in weiten, grünen Wiesen, als wäre er irgendwann einmal von selbst daraus hervorgewachsen.

Daß sich Benediktbeuern heute den Blicken noch genauso präsentiert wie zur Zeit Goethes, ist alles andere als selbstverständlich. Das älteste Kloster des Pfaffenwinkels ist nämlich auch das einzige, das seine bauliche Substanz nahezu unbeschadet durch die Wirren und Gefahren vieler Jahrhunderte bewahren konnte.

Der Überlieferung nach wurde es als Kloster Buron im Jahr 739 von den Brüdern Lantfried, Waldram und Eliland aus dem uralten Grafengeschlecht der Huosi gegründet. Den Namen "Benediktbeuern" gab sich der Konvent erst im 11. Jahrhundert zu Ehren des Heiligen Benedikt, des Gründers des Benediktinerordens. Karl der Große hatte den Mönchen als Zeichen seiner Hochschätzung schon im 9. Jahrhundert die Speiche vom rechten Unterarm des Heiligen geschenkt. Diese kostbare Reliquie machte das Kloster bald zum geistigen Zentrum der Benediktiner im ganzen deutschsprachigen Raum.

Schon früh wurden hier Schriften verfaßt und gesammelt, und die Bibliothek von Benediktbeuren hatte europaweit einen hervorragenden Ruf. Die berühmten Carmina Burana, die man erst Anfang des vorigen Jahrhunderts in den Beständen der Klosterbücherei fand, sind allerdings nicht hier entstanden, sondern in Südtirol, wo das Kloster ausgedehnte Besitzungen hatte. Von Carl Orff 1936 vertont, sind diese um das Jahr 1200 entstandenen, weltlich- sinnlichen und teilweise recht derben Gesänge in der ganzen Welt bekannt geworden.

Im Jahr 1803, als im Zuge der Säkularisation das Kloster aufgehoben wurde, war es mit dem geistigen Leben in Benediktbeuern zunächst einmal vorbei. Erst 1930, als die Salesianer Don Boscos den Komplex erwarben und es nach und nach zu einem Bildungszentrum ausbauten, konnte an diese Tradition wieder angeknüpft werden.

Mittlerweile sind eine Hochschule und eine Fachhochschule in Benediktbeuern zu Hause, und im Sommersemester ist der barocke Klosterhof voller Studenten, die in den Vorlesungspausen rings um den Springbrunnen im Gras liegen oder sich im Schatten der barocken Arkadengänge gegenseitig abfragen. Anfang November allerdings hallen alljährlich andere Klänge durch den vielleicht schönsten Innenhof Bayerns. Mit dem Hufgetrappel prächtiger Rösser und dem Knirschen von eisenbeschlagenen Wagenrädern zieht die Leonhardifahrt in Benediktbeuern ein, und Hunderte von Menschen in althergebrachter Tracht wohnen in der Klosterkirche einem Festgottesdienst bei.

Dieses von 1681 bis 1686 erbaute Gotteshaus, eine einschiffige Basilika, gilt in Bayern als die erste hochbarocke Kirche außerhalb von München. Neben Fresken von Georg Asam fällt in seinem Inneren besonders der üppige Stuck mit seinem Reichtum an Frucht- Gemüse und Blumenmotive auf. In schier unerschöpflicher Fülle scheinen Äpfel, Birnen, Melonen, Spargel, Rosen, Mohnblumen und Trauben, ja sogar Rettiche bis zum Hineinbeißen plastisch aus den Wänden zu quellen.

Betrachtet man die Basilika in all ihrer Pracht, kann man sich kaum vorstellen, daß sie noch Anfang der Sechziger Jahre wegen Einsturzgefahr nicht mehr betreten werden durfte. Bei der damals fälligen Generalsanierung, in deren Zuge auch das Gewölbe des Kirchenschiffs mit Stahlbeton stabilisiert werden mußte, stieß man auf den Schmuckfußboden der ursprünglich romanischen Abteikirche aus dem später 12. Jahrhundert, in den ein unbekannter Künstler die Portraits der Klostergründer und des Heiligen Bonifaz eingeritzt hat. Leider konnte dieses einmalige Architekturdokument aus Geldmangel nicht dauerhaft präpariert und sichtbar gemacht werden. So wurde der mittelalterliche Fußboden, nachdem er genau vermessen und photographiert worden war, sorgfältig mit Sand zugedeckt und wieder überbaut.

Bei der Säkularisation von 1803 wurde die Basilika zwar zur Pfarrkirche des Dorfes Benediktbeuern erklärt, blieb aber ansonsten unangetastet. Der Rest des Klosters allerdings wurde versteigert und ging für den Spottpreis von 55.000 Gulden an den ehemaligen Hofbeamten Joseph von Utzschneider. Dieser, einer der ersten modernen Unternehmer in Bayern, nutzte die Gebäude für eine Glasmanufaktur, die nicht nur Gebrauchsglas, sondern auch optisch hochwertige Linsen für Fernrohre und wissenschaftliche Präzisionsgeräte herstellen sollte.

Daß es sich dabei um ein High-Tech-Unternehmen seiner Zeit gehandelt hat, beweist die Tatsache, daß Utzschneider 1808 zu seinem Leiter keinen Geringeren bestimmte als Joseph Fraunhofer, den Entdecker der schwarzen Linien im Sonnenspektrum. Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, daß die Apparaturen, mit denen Fraunhofer in zahllosen Versuchsreihen hochwertigste optische Gläser erschmolz, über eineinhalb Jahrhunderte hinweg an ihrem ursprünglichen Standort erhalten geblieben ist. So kann man im ehemaligen Waschhaus des Klosters neben diversen Gerätschaften auch die primitiv anmutendenen, holzbefeuerten Schmelzöfen betrachten, die Fraunhofer das berühmte schlierenfreie Kron- und Flintglas für seine damals in ganz Europa heiß begehrten optischen Geräte lieferten.

Während diese Glashütte nach Fraunhofers frühem Tod im Jahr 1826 noch bis 1883 fortgeführt werden konnte, mußte der hoch verschuldete Utzschneider das übrige Klostergelände mitsamt allen Gebäuden bereits im Januar 1818 dem bayrischen Staat wieder zurückverkaufen - wenn auch zu einer Summe, die gut fünfmal so hoch war wie der ursprüngliche Kaufpreis. Diese enorme Wertsteigerung lag unter anderem daran, daß man damals das Kloster mit seinem großen Maierhof dringend für die Zucht von Armeepferden benötigte.

Schon seit 1611 bestand ganz in der Nähe mit dem Hofgestüt Schwaiganger eine ähnliche Einrichtung. Bereits 955 wurde es als "Schwaige Anger" zum ersten Mal urkundlich erwähnt, aber erst kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg baute man es zum herzoglichen Militärfohlenhof und Armeegestüt aus. Dieses hatte die Aufgabe, der bayrischen Armee Zug- und Reitpferde zu liefern, an denen das Militär aller Staaten bis weit in unser Jahrhundert hinein einen nur schwer zu stillenden Bedarf hatte. Diese "Dienstzeit" der Pferde gehört gottseidank der Vergangenheit an, und das noch immer dem bayrischen Staat gehörende Gestüt Schwaiganer hat schon lange friedlichere Aufgaben übernommen. Als Haupt- und Landesgestüt hat es es sich als das Zentrum zur Sportpferdezucht einen hervorragenden Namen gemacht, und der Anblick der Warm- und Kaltblüter und mit Araberblut veredelten Haflinger, die hier auf über 600 Hektar Fläche grasen, läßt nicht nur die Herzen von Pferdenarren höher schlagen läßt.

So ist es kein Wunder, daß das einmalig schön in die Landschaft eingebettete Gut ein ausgesprochen beliebtes Ausflugsziel ist, und das nicht nur zur jährlich im Sommer stattfindenden Gestütsparade, bei der den zahlreichen Zuschauern eine zirkusreife Schau mit Wagenrennen, Kunstspringen und waghalsigen Reiterspielen geboten wird.

Auch im gut zwanzig Kilometer weiter westlich gelegenen Murnau dreht sich vieles um einen Reiter, wenn auch um einen ganz anders gearteten. Der legendäre "Blaue Reiter" war es, der den reizvollen Ort am Staffelsee in die Annalen der Kunstgeschichte hat eingehen lassen. Im Haus von Gabriele Münter in der Kottmüllerallee am Ortsrand trafen sich von 1908 an viele der Künstler, die 1912 mit ihrem Manifest "Der Blaue Reiter" Furore machten. Franz Marc kam aus dem nahen Sindelsdorf, August Macke aus Tegernsee, und die beiden Russen Alexander Jawlensky und Marianne Werefkin waren Dauergäste in der Malervilla, die von den Einheimischen bald das "Russenhaus" genannt werden sollte. Wassily Kandinsky, ebenfalls Russe, der bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Haus mit seiner Geliebten Gabriele Münter teilte, malte in Murnau seine vielleicht interessantesten Bilder, auf denen die Entwicklung von der gegenständlichen zu einer abstrakten, fast nur noch auf die Farbe reduzierten Malerei deutlich wird. Gabriele Münter, nach der heute ein Platz in Murnau benannt ist, war die einzige von diesen Künstlern, die dem Marktflecken am Staffelsee dauerhaft treu geblieben ist. Aus ihrem Haus, in dem sie 1962 gestorben ist, hat man vor gut 10 Jahren ein außergewöhnliches Museum gemacht, in dem unter anderem auch eine von Wassily Kandinsky eigenhändig mit einem farbenfrohen (wenn auch nicht blauen) Reiterfries bemalte Treppe bewundert werden kann. Im ersten Stock befindet sich das noch weitgehend original eingerichtete Atelier, in dem Marianne Münter die meisten ihrer Bilder gemalt hat. Von hier aus hat man einen schönen, von Münter und Kandinsky oft gemalten Blick auf die Pfarrkirche und das Schloß, in dem heute viele von Gabriele Münters Bilder hängen. Mehr über die Künstlerin und ihre malenden Freunde kann man bei einer vom Fremdenverkehrsamt Murnau mehrmals im Jahr veranstalteten Wanderung erfahren, die unter fachkundiger Leitung den beliebtesten Motiven des "Blauen Reiters" in Murnau und Umgebung nachspürt.

Daß dazu auch immer wieder die Landschaft rund um den Ort gehörte, verwundert nicht: Da ist der Staffelsee mit seinem dunklen Wasser, der immer noch einer der schönsten, wärmsten und am wenigsten verbauten Badeseen weit und breit ist, und das Murnauer Moos mit seinen außergewöhnlichen Farben und Lichtstimmungen. Seiner extrem hohen Feuchtigkeit hat es dieses größte zusammenhängende Moorgebiet Bayerns zu verdanken, daß in der Vergangenheit alle Pläne zu seiner Trockenlegung und intensiven landwirtschaftlichen Nutzbarmachung aufgegeben werden mußten. Heute steht es zu 90 Prozent unter Naturschutz und bietet vielen selten gewordenen, vom Aussterben bedrohten Pflanzen und Tieren ein letztes Refugium.

Gänzlich ungestört waren Sonnentau und Moosbeere, Wiesenpieper, Birkhuhn und die seltene europäische Sumpfschildkröte hier allerdings nicht immer. Bis vor wenigen Jahren wurde nämlich auf dem Moosberg, einem der aus dem flachen Moor herausragenden, charakteristischen Hügel, recht intensiver Gesteinsabbau betrieben. Schon zur Römerzeit war man auf den hiesigen Grünsandstein aufmerksam geworden, ein richtiger Abbau-Boom setzte aber erst in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein, als in München mit seinen rasch wachsenden Vorstädten viele Straßen und Plätze gepflastert wurden. Auch danach lieferten die beiden Hartsteinwerke im Murnauer Moos Hunderttausende von Tonnen Schotter und Steine für Eisenbahnen und Straßen. Der inzwischen im industriellen Stil betriebene Abbau machte auch vor den archäologisch hochinteressanten Resten einer spätrömischen Siedlung auf dem Moosberg nicht halt, die zwischen 1925 und 1934 den Preßlufthämmern weichen mußten.

Erst 1991, als weite Teile des Mooses schon seit fast 30 Jahren unter Landschaftsschutz standen, gelang es, per Gerichtsbeschluß den letzten Steinbruch dichtzumachen. Seither gehört das 32 Hektar große Moor fast ausschließlich der Natur und den Spaziergängern auf einem behutsam angelegten Moosrundweg. Nicht nur das bei schönem Wetter hinter weiten, bräunlich-gelben Schilfteppichen aufragende Bergpanorama mit der schneebedeckten Zugspitze, sondern auch die wabernden Nebel und die melancholisch-unwirkliche Stimmung eines trüben Herbsttages lassen eine Wanderung durch das Murnauer Moos bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit zu einem ganz besonderen Erlebnis werden.

Wesentlich geprägt hat diese Landschaft über die Jahrhunderte hinweg eine sanfte landwirtschaftliche Nutzung, bei der die Bauern meist einmal im Jahr das Schilf auf den Flachmoorstücken schnitten, es auf dem Boden zum Trocknen ausbreiteten und schließlich zu über fünf Meter hohen, kegelförmigen Gebilden zusammenschichteten. Gabriele Münter hat diese "Strahdrischen" übrigens oft und gerne gemalt.

Zur Nutzung des Mooses wurden jahrhundertelang die einzelnen Moosparzellen, die so schöne Namen wie "Prastlermahd", "kurzes Naßelwang", "Seelüßeln" oder "Sauerwiesfleckl" trugen, unter den Murnauer Bauern verlost. Alle zehn Jahre fanden diese Grundstücksziehungen statt, bis sie 1972 eingestellt wurden. Das hauptsächlich zur Einstreu dienende Schilf war im modernen Kuhstall immer weniger gefragt.

Wie rapide sich das bäuerliche Leben und Arbeiten in den letzten hundert Jahren verändert hat, wird nirgends im Pfaffenwinkel so deutlich wie im Freilichtmuseums des Bezirks Oberbayern an der Glentleiten. 1973 begann man hier, zwischen Murnau und Benediktbeuern, mit dem Aufbau des Museums und konnte 1976 einen ersten Abschnitt eröffnen. Mit viel Liebe zum Detail alte Höfe, Stadel, Werkstätten und Mühlen vor dem Untergang bewahrt, die sonst vor Ort unweigerlich den Bulldozern zum Opfer gefallen wären. Das Einzugsgebiet umfaßt die Hauslandschaften zwischen Lech und Salzach, zwischen Alpenrand und Donau. Inzwischen stehen 40 historische Gebäude auf dem ausgedehnten Hanggrundstück mit Blick auf den Kochelsee und das nahe Kloster Schlehdorf. Geplant sind cirka 90 Einzelobjekte auf rund 40 Hektar Gesamtfläche.

Etwa alle zwei Jahre wird ein Haus vom Freilichtmuseum übernommen, vor Ort von den Museumshandwerkern sorgfältig abgebaut und im Museum bis zum Wiederaufbau eingelagert. Parallel dazu sichert ein umfangreiches wissenschaftliches Begleitprogramm alle wichtigen Daten des Objekts. Durch eingehende bauhistorische Untersuchungen, gründliche Archivarbeit und Befragen der Bevölkerung wird so die Geschichte eines Hauses so genau wie möglich dokumentiert, und wenn es nötig ist, nehmen die Wissenschaftler des Museums sogar richtiggehende archäologische Grabungen vor. Nur so kann sichergestellt werden, daß ein Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut und eingerichtet werden kann.

Daß die Häuser auf der Glentleiten trotz dieser umfangreichen Untersuchungen keinesfalls wissenschaftlich-trocken präsentiert werden, liegt daran, daß man bei ihrer Einrichtung sehr viel Wert auch auf kleinste Details gelegt hat. Für jedes Haus wird eine Zeitphase festgelegt, in die es "zurückversetzt" wird. Daß diese bei den meisten Gebäuden kaum weiter als 100 Jahre zurückreicht, hat seinen Grund darin, daß für frühere Zeiten kaum alltägliche Einrichtungsgegenstände mehr vorhanden sind. Manche Gebäude wie beispielsweise das Samerhäusl aus dem Landkreis Berchtesgaden konnten sogar mit den gesamten Originalgegenständen aus den vierziger- und fünfziger-Jahren unseres Jahrhunderts übernommen werden. So verleihen gerade Gegenstände aus der jüngeren Vergangenheit wie Radios oder Vorhänge aus den fünfziger Jahren den Häuserrn eine authentische, nicht künstlich hergestellte Atmosphäre.

Nach ähnlichen Kriterien wird beim Wiederaufbau von Werkstätten vorgegangen, in denen alte Handwerkstraditionen mit viel Engagement vor dem Vergessen bewahrt werden. Die eindrucksvollste dieser alten vorindustriellen Produktionsstätten ist sicherlich die letzte Wetzsteinmühle aus Unterammergau, die bereits halb verfallen war und 1984 im Museum zu neuem Leben erweckt wurde. Seit dem 16. Jahrhundert wurde die Wetzsteinmacherei an mehreren Orten des Voralpenlandes betrieben, wo es das dafür benötigte, besonders harte Kalkgestein gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg starb dieses alte Handwerk vollständig aus, das für die Unterammergauer Bevölkerung bis zu diesem Zeitpunkt ein wichtiger Nebenerwerb gewesen war.

Nur auf der Glentleiten treibt noch heute ein beständig vor sich hinklapperndes Wasserrad recht archaisch anmutende Apparaturen im Hauptgebäude der Schleifmühle an. Die Mühle, die daneben gelegene "Beckhütte" und der "Kalter sind das Reich von Toni Ehrhard, dem letzten Wetzsteinmacher aus Unterammergau, dem nun Besucher aus aller Welt bei seinem Handwerk zuschauen können. Viel Erfahrung, Kraft und Geschick im Ausnützen der Wasserkraft braucht der Toni, bis aus etwa drei Zentimeter starken Kalksteinplatten die an beiden Enden konisch zulaufenden Wetzsteine geworden sind, wie sie früher zum Schärfen von Sensen und Sicheln unentbehrlich waren. "Schiele", "Stingel", "Gebeckter" und "Gestelzter" lauten in der Sprache der Wetzsteinmacher die Stadien, die ein solcher Stein bei der Herstellung durchlaufen muß. Und die dauert immerhin von der Zeit der ersten Heuernte im Sommer bis ins nächste Frühjahr hinein, wo das reichlich vorhandene Wasser der Schneeschmelze dem vom Mühlrad betriebenen Schleifstein die nötige Drehzahl zum abschließenden Feinschliff gibt.

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© Thomas A. Merk 2004