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Textauszug aus dem Buch "Die Romantische Straße" von Thomas A. Merk Wo der Wein Geschichte schrieb Er hat keine Blume, und man merkt ihm nicht an, was in ihm steckt - aber er hat’s in sich". So charakterisierte Kurt Tucholsky 1927 in einem Beitrag für die Vossische Zeitung ein Getränk, zu dem er auf einer Reise nach Franken ein durchaus ambivalentes Verhältnis entwickelt hatte. Gemeint ist der Würzburger Wein, dem der Berliner Spötter manchmal mehr zusprach als ihm gut tat. "Wir hätten nicht so viel Steinwein trinken dürfen", schreibt er da nach einem ausgedehnten Gelage, schwärmt aber bereits eine Zeile später schon wieder in den höchsten Tönen: "Sowas von Reinheit, von klarer Kraft, von aufgesammelter Sonne und sonnengetränkter Erde war noch nicht da." Tucholsky hatte recht. Es steckt fast alles im Würzburger Wein, es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Der heilige Makarius Scottus, im Zwölften Jahrhundert Abt des Schottenklosters St. Jacob auf der linken Mainseite, wußte das nur zu genau. Der Zucht und Enthaltsamkeit predigende Mann hatte, so will es die Legende, die beunruhigende Fähigkeit, besten Wein in reines Wasser verwandeln zu können - ein von Temperanzlern viel bestauntes Wunder, auch wenn so mancher Würzburger, der heute in der Marienkapelle vor der Grabplatte dieses doch recht unfränkischen Heiligen steht, den Sinn eines solchen nicht so recht nachvollziehen kann. Schließlich war es ja der Wein, dem die heute 128 000 Einwohner zählende unterfränkischen Metropole schon früh ihren Wohlstand zu verdanken hatte. Sein Anbau und der Handel damit waren Lebensgrundlage vieler Bürger, und die Fürstbischöfe, die von 1030 bis 1803 über die Stadt herrschten, füllten ihre Staatskasse, indem sie beides mit kräftigen Steuern belegten. Vom regen Weinhandel der Stadt zeugt noch heute der "Alte Kranen" am Mainufer. Dieser gedrungene Rundbau von 1773 diente mit seinen beiden, aus einem drehbaren Dach ragenden Metallarmen und zwei von Menschenkraft betriebenen Laufrädern in seinem Inneren dem Be- und Entladen von Frachtschiffen. Auf der anderen Seite des Flusses, hoch über den grünen Weinbergen, an denen so berühmte Lagen wie "Würzburger Stein" und "Würzburger Leiste" wachsen, thront weithin sichtbar die mächtige Festung Marienberg. Hier, wo schon 1000 Jahre vor Christi Geburt eine keltische Ringwallanlage gestanden hatte, ließen sich im Jahr 1201 die Würzburger Fürstbischöfe ihre erste Burg errichten. Sie diente ihnen nicht nur zur Verteidigung gegen äußere Feinde, sondern bisweilen auch als Zuflucht vor den eigenen Untertanen, die nicht immer der Meinung waren, daß es sich unter dem bischöflichen Krummstab so gut leben lasse, wie ein altes Sprichwort behauptet. Was wohl verständlichist, wenn man sich veranschaulicht, mit welch brutaler Hand die geistlichen Herren bisweilen regierten. So wollte Fürstbischof Gerhard von Schwarzenberg im Januar 1400, nachdem er mit Hilfe der fränkischen Ritterschaft die wegen einer Steuererhöhung gegen ihn aufgestandene Stadt niedergerungen hatte, den Anführern der aufständischen Bürger Arme und Beine brechen und sie zu Tode rädern lassen. Nur durch die Zahlung der ungeheuren Summe von 40 000 Gulden, die die leidgeprüften Bürger Würzburgs aufbringen mußten, ließ sich der kirchliche Landesvater schließlich von diesem Vorhaben abbringen. Im Bauernkrieg von 1525 begehrten die Bürger zum letzen Mal gegen ihren Bischof auf und weigerten sich, an seiner Seite gegen die Aufständischen zu kämpfen. Als ein Fürstenheer die Bauern schließlich auch ohne Hilfe der Würzburger geschlagen hatte, ließ der Bischof den Bürgermeister der Stadt, Tilman Riemenschneider, ins Gefängnis werfen und foltern, obwohl der Bildhauer und Holzschnitzer ein paar Jahre zuvor von den geistlichen Herren noch mit wichtigen Aufträgen bedacht worden war. Die Grabdenkmäler, die Riemenschneider für die Fürstbischöfe Rudolph von Scherenberg und Lorenz von Bibra angefertigt hat, kann man noch heute im Kiliansdom bewundern. Den Würzburgern und ihren Gäster vertrauter als diese mannshohen Marmorplatten sind die Figuren von Adam und Eva am nördlichen Portal der Marienkapelle, die Riemenschneider von 1491 bis 1493 schuf. Hoch über dem bunten Treiben des Würzburger Marktplatzes sind diese schlanken Statuen aus rötlichem Sandstein längst zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Heute blicken allerdings Kopien davon verträumt über die vielen Blumen-, Obst- und Gemüsestände und - nicht zu vergessen - die angeblich beste Bratwurstbude Unterfrankens. Gut geschützt vor aggressiven Autoabgasen befinden sich die Originale jetzt auf der Festung Marienberg, in deren Räume 1947 das Mainfränkische Museum mit seinen umfangreichen Sammlungen zur Geschichte, Kunst und Volkskunde eingezogen ist. Der Ausbau der Burg zum repräsentativen Fürstensitz leitete Fürstbischof Julius Echter in die Wege, der von 1553 bis 1617 Würzburg und das Herzogtum Franken wie ein absolutistischer Herrscher regierte. Trotzdem vernachläßigte er die Stadt zu Füßen des Marienbergs nicht, gründete die Würzburger Universität und kümmerte sich in vorbildhafter Weise um die Kranken und sozial Schwachen unter seinen Untertanen. Und auch hier war wieder der Wein im Spiel. Als Echter 1576 in Würzburg ein Spital "für Arme, Bresthafte und Kranke" gründete, schenkte er der Einrichtung nämlich auch gleich mehrere Weinberge, aus deren Ertrag es sich finanzieren sollte. Das hat sich bis auf den heutigen Tag nicht geändert, und so genießt das nach Echter benannte "Julius"-Spital nicht nur einen hervorragenden Ruf als Krankenhaus, sondern wird auch wegen seiner ausgezeichneten Weine allenthalben gerühmt. 250 Jahre vor der Schenkung des fürstlichen Wohltäters hatten reiche Würzburger Bürger eine ähnliche Idee und riefen 1319 das "Bürgerspital zum Heiligen Geist" ins Leben. Auch diese segensreiche Einrichtung hat die Jahrhunderte überdauert und ist heute ein Altenheim, in dem nach alter Tradition jedem Bewohner noch immer einmal in der Woche sein "Pfründnerwein" genannter, kostenloser Schoppen zusteht. Die dort lebenden Senioren, die von diesem Angebot nach wie vor gerne Gebrauch machen, sind der lebende Beweis dafür, daß man mit "Würzburger Stein" steinalt werden kann. Aber man muß glücklicherweise nicht gebrechlich oder krank sein, um diesen und andere hervorragende Tropfen zu genießen, denn in den großen, gemütlichen Weinkellern des Julius- und des Bürgerspitals kann heute jedermann seinen Schoppen trinken und dazu die berühmten "blauen Zipfel", im sauren Sud gekochte Würzburger Bratwürste, probieren. Und noch immer gilt, was der weitgereiste Genießer und Bonvivant Hermann Fürst von Pückler Muskau bereits im Neunzehnten Jahrhundert bemerkte: "Die besten Steinweine bekömmt man in den Spitälern". Es gibt kaum einen Bereich im Leben der Stadt, in dem der Wein nicht im Lauf ihrer Geschichte eine ausschlaggebende Rolle gespielt hätte. Beispiel Haushaltspolitik: Um im wahrsten Sinne des Wortes immer flüssig zu sein, trieben die Fürstbischöfe von allen Weinbauern des von ihnen regierten Herzogtums Franken den "Zehnten" ein, eine Steuer, die meist in Naturalien, sprich Wein, abgegolten wurde. Den tranken die hohen Herren natürlich nicht allein, sondern verwendeteten ihn unter anderem dazu, die nicht unerheblichen Ausgaben für ihre Hofhaltung und Verwaltung zu bestreiten. So war eine gewisse Menge Wein lange Zeit für viele fürstliche Beamten ein Teil ihres Gehalts. Einen Haken allerdings hatte die Sache, denn natürlich wollte jeder der Staatsdiener mit einem möglichst guten Tröpfchen entlohnt werden. Endlose Streitereien darum, wen nun welchen Wein bekommen sollte, waren die Folge. Ende des Achtzehnten Jahrhundertes wurde das Gezänk dem Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal schließlich zu bunt. Er ließ im Keller der Residenz ein riesiges Faß aufstellen, in dem der ganze für die am Hof Beschäftigten bestimmte Rebensaft einfach zusammengeschüttet und erst danach unter die Staatsdiener verteilt wurde. Dieses "Beamtenfaß" befindet sich noch immer in den ausgedehnten Weinkellern unter der Residenz, die nun allerdings nicht mehr dem Bischof, sondern der staatlichen Hofkellerei gehören. Aber heutzutage bleibt es leer, und die bayerischen Staatsdiener müssen sich ihren Frankenwein selber kaufen. Begonnen hat die Geschichte der Residenz 1719 mit der Entscheidung des Fürstbischofs Phillip Franz von Schönborn, seinen Wohnsitz von der unbequem gewordenen Festung Marienberg hinunter in die Stadt zu verlegen. Einen Platz für sein neues Schloß, das eines der prächtigsten in Europa werden sollte, hatte er zwischen der alten und der neuen Stadtmauer schon gefunden, jetzt brauchte er nur noch einen tüchtigen Baumeister. Seine Wahl fiel auf den damals noch relativ unbekannten, ursprünglich aus Böhmen stammenden Würzburger Architekten Balthasar Neumann, ein wahres Universalgenie, das sich außerdem auch noch als Artillerist, Feuerwerker, Glasfabrikant und Wassertechniker hervortat. Allerdings durfte Neumann die neue Residenz nicht allein entwerfen, denn kaum hatten der Mainzer Onkel des Fürstbischofs und sein Bruder in Wien von dessen Bauvorhaben erfahren, da schickten sie ihm auch schon ihre jeweiligen Hofarchitekten, die sich sogleich massiv in die Planungen einmischten. Besonders Neumanns kühnste Konstruktion, das einzigartige Prunktreppenhaus im Mittelbau der Residenz, fand zunächst nicht den Beifall der kritischen Herren. Weil das riesige, freitragende Muldengewölbe über der dreiteiligen Treppe eine noch nie dagewesene und für die damals zur Verfügung stehenden Mittel ausgesprochen gewagte Konstruktion war, unkte der Wiener Hofbaumeister Lucas von Hildebrandt, daß er sich, "wenn das hält", auf eigene Kosten von der Gewölbemitte herab aufhängen lassen wolle. Neumann konterte damit, daß er in seinem Treppenhaus jederzeit ohne Bedenken eine Kanone abfeuern würde. Soweit ist es aber nie gekommen, und auch der betagte Hildebrandt mußte seinen Ausflug in die luftige Höhe dann doch nicht antreten.
Wie gut Neumann das Gewölbe berechnet hatte, sollte sich 200 Jahre nach Fertigstellung der Residenz erweisen, als am Abend des 16. März 1945 englische Bomber Würzburg in Schutt und Asche legten. Aus dem bis dahin unversehrt gebliebenen Schmuckkästchen wurde kurz vor Kriegsende binnen weniger Stunden das "Grab am Main", eine qualmende Trümmerwüste. Neumanns Konstruktion aber hielt in dieser Schicksalsnacht sogar dem Gewicht des über ihr zusammenbrechenden, brennenden Dachstuhls stand und bewahrte damit unter anderem das einmalige Deckenfresko von Giovanni Battista Tiepolo vor der sicheren Zerstörung. Auf diesem mit fast 7000 Quadratmetern größten Gemälde der Welt, das der Venezianer 1753 vollendete, huldigen die vier damals bekannten Erdteile - Australien galt noch nicht als Kontinent - dem Mäzen Fürstbischof Carl Phillip von Greiffenclau. Sein Portrait schwebt durch einen von Göttern bevölkerten Frühlingshimmel über vier allegorischen Frauengestalten mit zahlreichem Gefolge und allerlei Getier. Neben der Europa auf dem Stier hat Tiepolo sich selbst und seine am Bau der Residenz beteiligten Künstlerkollegen recht treffend für die Nachwelt verewigt. Balthasar Neumann, der ja nicht nur Baumeister, sondern auch Obrist der fränkischen Kreisartillerie war, sitzt lässig auf einem Kanonenrohr, während links von ihm Vater Tiepolo mit seinen beiden Söhnen Lorenzo und Domenico zu sehen ist. Ein paar Schritte hinter dem Architekten steht, in einen ockergelben Umhang gehüllt, eine düster-verstört dreinblickende Gestalt. Es ist der Stukkateur und Bildhauer Giuseppe Antonio Bossi aus Porto Ceresio am Luganer See, der das Treppenhaus mit einem der Malerei Tiepolos durchaus ebenbürtigen Figurenschmuck versehen hat. Das Meisterwerk des genialen Stuckzauberers, der später verrückt wurde und 1766 in geistiger Umnachtung starb, ist der nur ein paar Schritte entferten Weiße Saal. Bei der Arbeit an diesem Raum, die wegen eines für den Sommer 1745 angekündigten Besuches der Kaiserin Maria Theresia unter unglaublicher Eile vonstatten zu gehen hatte, mußte Bossi in der Schlußphase praktisch Tag und Nacht auf dem Gerüst kauern und seinen Stuck auftragen. Trotzdem modellierte er in nur neun Monaten ein überwältigendes Feuerwerk von verschlungenen Vorhängen, Palmen, Pfauen, Drachen, Agaven, Putten, Kanonen und Krummsäbeln aus weißem Gips an die in hellgrau gehaltenen Wände des Saales. Für dieses durch den völligen Verzicht auf Malerei und Vergoldung besonders stark und eindringlich wirkende Gesamtkunstwerk verwendete Bossi übrigens eine nach eigener Rezeptur angerührte, spezielle Gipsmischung aus Quarzsand, Knochenleim und Tierhaaren. Außerdem soll er - wen wundert’s noch in dieser Stadt? - seiner Modelliermasse auch einen kräftigen Schuß Frankenwein hinzugefügt haben. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jede Wiedergabe, ob in gedruckter oder elektronischer Form bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Autors, die Sie unter folgender E-Mail-Adresse beantragen können: info@merkwelt.de |
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© Thomas A. Merk 2004 |
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