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Frankreich, 1986

Sie starben als Soldaten des bayerischen Königs

Eine Reportage von Thomas A. Merk

Die Szene in der düsteren Krypta hat etwas Gespenstisches, fast schon Makabres. Während der Abbé in auf Deutsch ein Marienlied radebricht, starren die meisten unserer kleinen Besuchergruppe in die leeren Augenhöhlen der vielen Totenschädel, die hinter einer Plexiglaswand übereinandergestapelt  sind und vergessen, sehr zum Unmut des alten Priesters, dabei ganz das Mitsingen.

Wir befinden uns in der Dorfkirche von Loigny-la-Bataille, die sich, von außen betrachtet, in nichts von den vielen ähnlichen Kirchen hier in der Beauce, der Landschaft zwischen Paris und der Loire, unterscheidet. Und doch hat es mit diesem bescheidenen Sandsteinbau eine besondere Bewandtnis, ebenso wie mit dem knorrigen, 79 Jahre alten Abbé Remy Thevert, der Priester und Museumsführer in einem ist.

Vor 116 Jahren prallten hier die französische Loire-Armee  und eine gemischte deutsche Armee-Abteilung aufeinander, deren Hauptkontingent aus dem Ersten bayerischen Armeekorps unter General Ludwig von der Tann bestand. Der "Siebziger Krieg" zwischen den deutschen Staaten und Frankreich ging seinem Ende zu. Die Loire-Armee war das letzte Aufgebot einer geschlagenen Nation, deren reguläre Truppen besiegt, deren Kaiser gefangen und deren Hauptstadt von deutschen Truppen eingeschlossen war.

Leon Gambetta, der nach der Kapitulation des Kaiserreichs Napoleons III. in Paris die Republik ausgerufen und die bedrängte Stadt im Heißluftballon verlassen hatte, hatte sie aus Freischärlern, kampfunerprobten Freiwilligen und Garibaldisten zusammengestellt. Am 2. Dezember 1870, einem bitterkalten Tag, standen diese zusammengewürfelten Truppen den Bayern von der Tanns gegenüber und holten sich von den "diables bleus", den blauen Teufeln, wie sie sie nannten, eine vernichtende Niederlage.

Der Abbé erzählt diese Geschichte der Schlacht mit einer Leidenschaft, als sei er selbst dabei gewesen. Mit einem Rohrstock zeigt er uns auf einem Gemälde neben dem Altar die froststarre Leiche eines Bayern und das verklärte Gesicht des französischen Generals Gaston de Sonis, dem in der beinkalten Nacht nach der Schlacht die Muttergottes von Lourdes erschienen sein soll, woraufhin er seine schweren Verletzungen überlebte. Diesem Wunder, donnert der Abbé, verdanken wir, daß später hier diese Kirche gebaut wurde. Uns kommt sie heute wie eine bizarre Mischung aus Gotteshaus und Museum vor.

Da hängen im Kirchenschiff Kerzenleuchter aus alten Bajonetten von der Decke herab und den Altar zieren Granaten; da sind in einem Raum neben der Sakristei bunt durcheinandergewürfelte Uniformen und Ausrüstungsgegenstände beider kämpfenden Parteien ausgestellt. Auch ein paar bayerische Raupenhelme, die antik angehauchte und wohl wenig zweckmäßige Kopfbedeckung der Soldaten König Ludwigs II. sind unter den gammeligen Exponaten. Alles, So versichert der wortgewaltige Priester und scheucht einpaar zu neugierig Gewordene vom Glas der Vitrinen, stammt direkt von dem alten Schlachtfeld, auch wenn auch viele der Stücke erst später von pflügenden Bauern entdeckt wurden und deutlich die Spuren der Zeit tragen.

Auch die namenlosen Toten unten in der Krypta kamen erst nach und nach in diese 1886 erbaute Kirche, um ihre letzte Ruhestätte mit dem Sarkophag des mittlerweile auch an den Ort seiner letzten Schlacht heimgekehrten Generals de Sonis zu teilen. 1056 davon noch 1871 aus einem aufgelassenen Feldfriedhof, die letzten 60 Deutschen und 20Franzosen erst 1969, als man sie aus Feldgräbern der benachbarten Orte umbettete.

Unentwirrbar durcheinander liegen sie in der modrigen Gruft, die Schädel und Knochen von Franzosen und Bayern. Ein kleiner Teil der Toten eines Krieges, den Bayern als eigenständiges Königreich begann und nach der Kaiserproklamation von Versailles im Frühjahr 1871 als Teil des deutschen Reiches beendete. Fast schon vergessen sind sie, die sterben mußten, damit Bismarck die deutschen Staaten durch einen gemeinsamen Krieg gegen Frankreich zum Kaiserreich der Hohenzollern zusammenbringen konnte. Es war der erste und letzte gewonnene Krieg dieses Reiches, den eine nostalgische Vergangenheitssehnsucht bisweilen als einen "gemütlichen " bezeichnet hat.

Ganz so beschaulich, wie es viele Anekdoten beschreiben. dürfte es in der "guten alten Zeit" vor dem Ersten Weltkrieg allerdings nicht zugegangen sein. Sicher, die rund 30.000 deutschen Soldaten, darunter 1759 Bayern, die im Siebziger-Krieg in Frankreich gefallen sind, erscheinen gegenüber den über zwei Millionen Toten allein des Ersten Weltkriegs rein zahlenmäßig als relativ geringe Verluste. Hinzu aber kamen 1870/71 noch einmal 11.000 Verwundete, die später in den Lazaretten starben, weil die medizinische Versorgung damals noch in den Kinderschuhen steckte. Ein wenig Erde, ein winziger Stoffrest der Uniform in einer an sich harmlosen Wunde bedeutete damals mit ziemlicher Sicherheit den Tod durch Tetanus oder Wundbrand. Zudem wüteten unter den Armeen des 19. Jahrhunderts noch immer Seuchen wie Cholera, Ruhr und Typhus, oft weit schlimmer als Gewehre, Bajonette und Kanonenkugeln .

Ob Opfer von Kampfhandlungen, Wunden oder Krankheiten : Wenn ein Soldat damals tot war, sprang man auch nicht gerade zimperlich mit seinen sterblichen Überresten um. Einfache Mannschaften wurden, Freund und Feind meist bunt durcheinander, in Massengräbern direkt auf dem Schlachtfeld vergraben,  ohne daß sich irgend wer die Mühe gemach t hätte, die einzelnen Toten zu identifizieren. Erkennungsmarken waren damals noch unbekannt und wären sowieso nicht für nötig erachtet worden. Soldaten waren anonymes Kanonenfutter, und die Tatsache, daß sie überhaupt ein Grab bekamen, dürfte  hauptsächlich auf die überall  lauernde Seuchengefahr zurückzuführen gewesen sein. Nur bei Offizieren zeigte man etwas mehr Pietät. sie erhielten, oft auf dem Schlachtfeld, aber auch in den Friedhöfen der umliegenden Gemeinden ihre Einzelgräber.

 Aber selbst diese letzten Ruhestätten, obwohl  sie Namen, Lebensdaten und häufig auch nostalgisch-markige Inschriften tragen, schlummern heute häufig unerkannt irgendwo ihren Dornröschenschlaf. Gerd Soltau, Landesgeschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Bayern, weiß das nur allzu gut.

"Man braucht Geduld und einen gewissen Riecher , um so etwas heute noch zu finden " , sagt er und zeigt aufeine verwitterte Säule auf dem Stadtfriedhof von Orleans, die unscheinbar zwischen den Grabmonumenten französischer Familiengruften steht .

"Dem ehrenden Angedenken der in den Dezembergefechten 1870 gefallenen braven Bayern" ist noch gut lesbar in den grauen Granit eingemeißelt. Soltau hat dieses Grab im Sommer entdeckt und beim Aktenstudium im Bayerischen Kriegsarchiv in München herausgefunden, daß unter diesem schlichten Mal sieben bayerische Offiziere, darunter zwei jüdische liegen. Von solchen Gräbern, so Soltau, gibt es noch viele, verstreut in den alten Kampfgebieten. Trotz der deutschen Niederlagen in den Zwei auf 1870/71 folgenden Weltkriegen haben die Franzosen sie nicht angegetastet und vielerorts in eigener Initiative die notwendigste Pflege dafür übernommen.

"A Perpetuite" - auf Ewigkeit - lesen wir, exemplarisch für diese Achtung, auf dem Grabmal eines "Seconde Lieutenant Georg Gelpcke vom Pommerschen Feld Artillerie Regiment Nummer 2, geboren am 20.Oktober1844 in Berlin, verwundet bei Artheney am1O. October und gestorben am 18. October 1870." Noch immer steht diese bröckelnde Säule auf dem tristen Friedhof von Arthenay, 20Kilometer vor Orleans.

Wo aber sind die vielen anderen Toten, denen Rang und Stand damals ein Einzelgrab verwehrt hatten? Auch ihre Massengräber sind größtenteils noch vorhanden, weiß Gert Soltau, irgendwo auf den alten Schlachtfeldern, die längst wieder fruchtbares Ackerland sind. Hundert Jahre lang haben die Landwirte  sie respektiert, und erst in letzter Zeit kommen Klagen auf, daß die alten Gräberfelder einer modernen, technisierten Landwirtschaft mit ihren großen Maschinen im Wege sind. Immer häufiger wird die Forderung erhoben, diese Toten auf neu anzulegende Friedhöfe umzubetten.

Für den Volksbund, aus schließlich aus Spendengeldern finanziert, bedeutet das in naher Zukunft neue Arbeit. Sicher, die 1,4 Millionen Gräber, die der Volksbund aus den beiden Weltkriegen pflegt und erhält, werden auch weiterhin das Hauptaufgabengebiet dieser Organisation bleiben. Allein schon wegen der Angehörigen der dort liegenden Toten. Aber auch um die Gefallenen des Siebziger-Krieges hat sich der Volksbund nach dem deutsch-französischen Kriegsgräberabkommen von1966 zu kümmern . Und nicht nur aus diesem Grund.

"Wenn wir diese Gräber pflegen, erhalten wir damit ein Stück unserer Geschichte", sagt Soltau. Gerade für uns Bayern gilt das vielleicht in einem ganz besonderen Maße, liegen doch unter den gründerzeitlichen Grabmonumenten die letzten Soldaten eines unabhängigen Bayerns, das wenig später Teil des deutschen Reiches wurde, mit dem es in zwei verheerende Weltkriege trieb.

 

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© Thomas A. Merk 1986