Das erste, was aus der braunen, krümeligen Erde zum Vorschein kommt, ist ein Stück schimmeliges Leder. Johann Dieber weiß genau, was das bedeutet. Mit seiner Handharke arbeitet er jetzt vorsichtiger und legt immer mehr von dem Fund frei. Das Leder entpuppt sich als ein Stiefel und aus diesem ragt grotesk ein langer, unversehrter Unterschenkelknochen.
Johann Dieber ist Stammarbeiter beim Umbettungsdienstes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und seit einigen Wochen hier in der Gegend von Böhönye, einem kleinen ungarischen Dorf, ca. 10 km südlich vom Westende des Plattensees entfernt, im Einsatz. Hier, in der ungarischen Provinz, geht es beschaulich, ja fast idyllisch zu. Während große Maschinen auf den Feldern die Maisernte einbringen, weiden am nahen Waldrand in aller Ruhe ein paar schwarze Büffel. Ein mächtiger Greifvogel zieht majestätisch seine Kreise. Drei Jungen, die Schafe und Gänse hüten, schauen neugierig herüber zu den Arbeitern. Nichts in dieser Landschaft erinnert daran, daß hier einmal ein Krieg getobt hat.
Und doch trat hier am 6. März 1945 die deutsche 2. Panzerarmee im Rahmen des Unternehmens ”Frühlingserwachen” zum Angriff auf die russische Rote Armee an. Die deutschen Truppen waren abgekämpft, schlecht ausgerüstet und nicht einmal auf dem Papier voll einsatzfähig. Sie waren eines der letzten Aufgebote des Krieges, der zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie verloren war. Die Offensive Frühlingserwachen, deren Schwerpunkt weiter nördlich bei Stuhlweißenburg lag, blieb im vom Tauwetter aufgeweichten Gelände nach wenigen Tagen stecken und Ungarn mit seinen letzten, für die deutsche Kriegswirtschaft überlebenswichtigen Erdölfeldern war verloren. Und Tausende von Soldaten auf beiden Seiten mußten in den letzten Kriegswochen hier ihr Leben lassen, wie der Tote, den Johann Dieber jetzt nach 45 Jahren freilegt.
Inzwischen sind zwei alte Frauen aus einem nahen, halbverfallenen kleinen Haus herbeigekommen. Bevor sie einen Blick in die frische Grube wagen, bekreuzigen sich.
Maria-Rozsa Jonosne war gerade 17 Jahre alt, als 1945 hier gekämpft wurde. Das Haus, in dem sie heute wohnt, war damals die Dorfschule, zur Zeit der Kämpfe allerdings diente sie der deutschen Wehrmacht als Verbandsplatz direkt hinter der Front. Viele der Verwundeten starben und wurden auf einer Wiese in der Nähe von der Truppe begraben. Maria-Rosza erinnert sich noch heute lebhaft an die schrecklichen Bilder der vielen Verstümmelten und Toten. Oft kam sie später an die Gräber und betete für die dort begrabenen Gefallenen, bis die Natur sich den von offizieller Seite vergessenen Friedhof wiedergeholt hatte. Sie und die sieben Jahre jüngere Teri Istvanne konnten den Umbettern des Volksbundes nach über 45 Jahren noch ziemlich genau die Lage der vergessenen Gräber beschrieben. Jetzt, als Johann Dieber vorsichtig einen Knochen nach dem anderen aus der Erde löst, ihn von anhaftenden Krümeln befreit und in einen numerierten Plastiksack legt, haben die beiden alten Freuen Tränen in den Augen.
Rudolf Strohmaier, 52, der verantwortliche Umbetter in der Gegend von Böhönye, ist dankbar für solche Hinweise aus der Bevölkerung, ohne die viele alte Soldatengräber nie gefunden worden wären. Strohmaier ist ein alter Hase in Sachen Umbettung, seit 11 Jahren macht er schon den Job für den Volksbund und hat in verschiedenen Ländern schon an die 2000 Gräber geöffnet.
”Manchmal ist die Arbeit schon sehr hart”, erzählt er und meint damit nicht nur die körperliche Anstrengung. Nicht immer findet man nur noch Knochen in den Gräbern, wie hier. Je nach Bodenbeschaffenheit sind die Leichen der Gefallenen oft noch mehr oder weniger erhalten. Häufig liegen in den Gräbern persönliche Gegenstände, Ringe, Amulette, Tabakspfeifen, ja sogar Briefe und Feldpostkarten, die man noch lesen kann. Schicksale werden plötzlich durch diese kleinen Dinge lebendig. Für den Umbetter ist es oft nicht leicht, das alles seelisch zu verarbeiten.
Johann Dieber hat den Toten in dem gerade geöffneten Grab nun fast vollständig freigelegt. Und unter den scheinbar wirr durcheinandergeworfenen Rippenknochen findet er, nach was jeder Umbetter besonders intensiv sucht. Ein unscheinbares, halbes Oval aus Aluminium, die Erkennungsmarke des Toten. Unter einer grauen Oxydationsschicht sind die eingeprägten Buchstaben ”..N..Kompanie Wels 705” zu lesen.
Später, als mit peinlicher Genauigkeit die Überreste des Toten gesichtet werden, gibt die gereinigte Erkennungsmarke ihr Geheimnis vollständig preis. Der Gefallene war von der Luftnachrichtenkompanie Wels, seine Stammrollennummer war 705. Anhand dieser Daten wird der Tote in den Unterlagen der Deutschen Dienststelle in Berlin zweifelsfrei zu identifizieren sein. Trotzdem legen die Umbetter, wie bei jedem Toten, ein peinlich genaues Umbettungsprotokoll an. Aus der Länge des Oberschenkelknochens berechnen sie, daß der Tote 25 Jahre alt war. Dann wird in einem Zahnbildschema vermerkt, daß er im Unterkiefer eine Metallkrone sowie eine abgesplitterte Porzellankrone hatte. Auch nach 50 Jahren ist es anhand alter Krankenkassenunterlagen oft noch möglich, anhand des Zahnbildes Tote zu identifizieren. Sogar die vermutliche Todesursache können die beiden feststellen.
”Er ist an einer Maschinengewehrgarbe in die Brust gestorben”, sagt Strohmaier und deutet auf die vie-
len zerbrochenen Rippen des Toten.
Auf dem Dorffriedhof von Böhönye, ein paar Kilometer von der Fundstelle entfernt, zeigt Horst Littmann, 64, der Leiter des Umbettungsdienstes, auf eine bucklige, nicht sonderlich gepflegte Wiese, an deren Rand sich ein frisch ausgehobener Graben entlangzieht.
Es fällt schwer, sich vorzustellen, daß hier in den kommenden Jahren eine neue Kriegsgräberstätte entstehen soll, in welche dann auch die von Strohmair und Dieber gefundenen Toten zugebetten werden sollen. Im Moment allerdings sieht man davon noch wenig. Hier, wo 300 deutsche Gefallene anhand alter Gräberlisten vermutet werden, steht gerade ein halbes Dutzend unterschiedlicher Kreuze mit Namen.
”Die haben Angehörige der Toten hinsetzen lassen”, erzählt Littmann, ”und oft stehen sie garnicht dort, wo das tatsächliche Grab ist.”
Der Volksbund nimmt es mit der Identifizierung jedes einzelnen Grabes sehr genau. Zwar kann man anhand der ursprünglichen Grablisten in ungefähr herausfinden, wo ein Toter liegen muß, aber nachdem Littmann beim Öffnen von ein paar alten Gräbern Unstimmigkeiten zwischen Grablage und Liste festgestellt hat, werden nun alle Gefallenen ausgebettet und noch einmal identifiziert.
”Erst wenn die Identität eines Toten zweifelsfrei festgestellt ist, kommt sein Name auf ein Kreuz”, sagt Littmann, ”bis dahin gilt er als unbekannt.”
Aber auf dem Friedhof von Böhönye gibt es noch viel mehr Arbeit. Ein paar alte Leute im Ort haben sich nämlich daran erinnert, daß nach dem Ende der Kampfhandlungen hier in einem Massengrab 40 bis 60 tote deutsche, ungarische und sowjetische Soldaten und Zivilisten bestattet wurden. Da keiner, von denen, die das Grab damals angelegt hatten, mehr am Leben ist, ist nur seine ungefähre Lage bekannt. Deshalb müssen die Umbetter in langwieriger Schau5 felei paralell zueinander liegende Suchgräben anlegen.
”Nächste Woche stellt uns die Gemeinde einen kleinen Bagger zur Verfügung”, freut sich Horst Littmann, ”dann werden wir es wohl bald gefunden haben.”
Daß hier überhaupt noch ein Friedhof existiert, auf dem der Umbettungsdienst anfangen kann zu graben, ist, wie an vielen anderen Orten in Ungarn, das Verdienst einer Privatperson . Pfarrer Georg Böhm, ein rundlicher, 63-jähriger Herr in einer etwas abgeschabten Soutane, ist ein katholischer Landpfarrer wie aus dem Bilderbuch. Der Ungar mit dem deutschen Namen hat seit Kriegsende sich trotz zahlreicher Schikanen von offiziellen Stellen für den Erhalt der Gräberstätte eingesetzt. Mit den vorhandenen bescheidenen Mitteln haben er und Mitglieder seiner Gemeinde den Friedhof, so gut es ging, vor dem endgültigen Verwildern bewahrt und die wenigen Kreuze, die die Nachkriegszeit überstanden, hingebungsvoll gepflegt. Heute liest er jedes Mal, wenn die Angehörigen von dort liegenden deutschen Gefallenen auf vom Volksbund organisierten Fahrten den Friedhof besuchen, in seiner einfachen Dorfkirche eine besondere Messe für sie. Und lädt die ganze Gruppe hinterher zu einem Schluck Wein und einem kleinen Imbiß ins Pfarrhaus ein. Sein größter Wunsch ist, daß der Friedhof von Böhönye einmal eine würdige letzte Ruhestätte für alle dort bestatteten Toten wird.
In Szekesfehervar, nordöstlich vom oberen Ende des Plattensees gelegen, ist es schon fast so weit. Der ”Heilig-Geist_Friedhof” am Rand der alten Krönungsstadt der ungarischen Könige, die auf Deutsch Stuhlweißenburg heißt, ist so gut wie fertig. Auch hier wäre ohne den persönlichen Einsatz eines Privatmannes nicht mehr viel vom Friedhof übriggeblieben. Peter Poklosi, 40, ist Lehrer für Geographie und Geschichte an einem Gymnasium von Stuhlweissenburg. 1986 sollte der ehemalige Armenfriedhof, auf dem schon im I. Weltkrieg 630 Lazarett-Tote der östereichisch-ungarischen Armee und später im II. 6 Weltkrieg deutsche und ungarische Soldaten beigesetzt wurden, von der Gemeinde verkauft werden, um einer Straße und einer Tankstelle Platz zu machen. Peter Poklosi war der einzige, der sich damals bei den noch wenig aufgeschlossenen Behörden für den Erhalt dieses Friedhofs eingesetzt hat.
”Es gehört seit den Zeiten der Neandertaler zur Zivilisation, daß man die Gräber in Ruhe läßt”, beschreibt er heute seine Beweggründe. Durch geduldiges Verhandeln und unermüdliche Gespräche mit der Gemeinde gelang es ihn, das vollkommen verwilderte Gelände zu retten. Zusammen mit seinen Schülern rodete er das über die Gräber gewucherte Gestrüpp, erbettelte bei örtlichen Firmen kostenlose Arbeitsleistungen beim Wiederherstellen von Wegen, Zäunen und Gedenksteinen und wandte sich an den Volksbund um Hilfe beim Umbetten und Identifizieren der Gefallenen. Es entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit, die seit einiger Zeit auch von der neuen ungarischen Regierung wohlwollend unterstützt wird.
Das Ergebnis ist der erste gemeinsame deutsch-ungarische Soldatenfriedhof. In seinem ungarischen Teil liegen unter hölzernen, mit Kerben und rot- weiß-grüner Fahne versehenen Pfählen, die alten nordungarischen Grabmalen nachempfunden sind, Soldaten der damals mit den Deutschen verbündeten ungarischen Armee. Es ist der erste Soldatenfriedhof in Ungarn überhaupt, der mit mit behördlichem Segen für diese Gefallenen, von deren Existenz erst in jüngster Zeit wieder offiziell gesprochen werden darf, eingerichtet wurde.
Auf dem danebenliegenden Teil sind 1000 deutsche Soldaten begraben, die der Volksbund zum Teil aus umliegenden Feld- und Gemeindefriedhöfen hierher umgebettet hat. Die gepflegte Rasenfläche ist zu etwa einem Drittel mit Kreuzen aus hellgrauem Granit versehen , die restlichen werden im Laufe des nächsten Jahres aufgestellt. Horst Littmann bestätigt, daß von Seiten der Ungarn dieses Projekt sehr wohlwollend unterstützt wird. 7
Eine solche enge Zusammenarbeit zwischen ungarischen Behörden und dem Volksbund war in der Vergangenheit keineswegs selbstverständlich. In der Nachkriegszeit gab es für die deutsche Kriegsgräberfürsorge zunächst keine Möglichkeit, die Gräber der ca. 54 000 Gefallenen in Ungarn zu betreuen. Erst nach zähen Verhandlungen, die der Volksbund seit den 70-er Jahren mit dem Ungarischen Roten Kreuz geführt hat, kam 1986 der Durchbruch. Bis heute konnte der Volksbund in Ungarn 4 neue Soldatenfriedhöfe anlegen, 6 Stück sind im Bau und 10 weitere in Planung. Ein großes Stück Arbeit also noch für die Männer um Horst Littmann und den Umbettungsdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der für seine verantwortungsvolle Aufgabe keine staatlichen Mittel erhält und sich nur aus Spenden der Bevölkerung finanziert.
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