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Ungarn, 1990

"Meine Tante hat noch den Pfarrer gespielt"

Eine Reportage von Thomas A. Merk

”Du liebe, teure Heimat, wir lieben dich immer auf’s neu”, singt die Frau in der Kittelschürze mit emotionsgeladener Stimme gegen den kühlen Wind an. In dem kleinen Weiler Logdau, ein paar Kilometer südlich von Olstyn, dem früheren Allenstein, kommt es nicht oft vor, daß jemand aus einem Fahrzeug mit deutschen Nummernschildern steigt, und so hat Sophie Pysa für die seltenen Gäste spontan das Ostpreussenlied angestimmt. Neben der 72-jährigen steht auf einer Wiese vor ein paar niedrigen, geduckten Bauernhäusern ein mit Steinen eingefaßtes Holzkreuz, vor dem auf einem Stein ein rostiger deutscher Stahlhelm aus dem Zweiten Weltkrieg steht. Darunter blühen liebevoll angepflanzte Herbstblumen.
”Sieben deutsche Soldaten liegen da”, erzählt Sophies Ehemann, der 78 Jahre alte Paul Pysa. ”Die sind noch in den letzten Kämpfen mit den Russen gefallen.” Er selbst war damals, wie die meisten Männer des kleinen Ortes, noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, und so mußten die Frauen auf Befehl der Russen die Toten zusammentragen und beerdigen. Sophie weiß noch genau, daß damals zur Bestattung der Gefallenen kein Priester aufzutreiben war: ”Meine Tante hat noch den Pfarrer gespielt und am offenen Grab ein Gebet für die Toten gesprochen.”
Die beiden Pysas gehören zu den ganz wenigen Deutschen, die heute noch im ehemaligen Ostpreussen leben. Die meisten von ihnen flohen im Januar 1945 nach Westen, nachdem die rote Armee die damalige Grenze des deutschen Reiches überschritten hatte. Bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad quälten sich damals Millionen von Menschen zwischen den russischen Panzerkeilen und der zurückgeworfenen deutschen Wehrmacht zu Fuß oder in einfachen Pferdekarren auf den heillos verstopften Straßen zur Küste, um von dort aus über die Ostsee nach Kiel, Flensburg oder Dänemark zu gelangen. Tausende von ihnen kamen auf diesem Treck des Grauens ums Leben, starben vor Erschöpfung oder im Kugelhagel russischer Tiefflieger.
Wer nicht floh, wurde kurz nach dem Krieg aus dem nun zu Polen gehörenden Ostpreussen vertrieben. Die paar wenigen deutschstämmigen, denen es, wie den Pysas, gelang, in ihrer Heimat zu bleiben, waren sprachlich und kulturell isoliert. Erst seit der Wende im Osten, dem Fall des eisernen Vorhanges und dem 1991 zwischen Polen und der Bundesrepublik unterzeichneten ”Vertrag über gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit” haben sich die Zustände für die deutschstämmige Minderheit in Ostpreussen gebessert. Auch Paul Pysa hat das gespürt. Noch vor fünf Jahren, so erzählt er, hätte er nicht einmal im Traum daran denken können, das Soldatengrab auf der Wiese zu kennzeichnen und herzurichten. ”Da sind bis 1989 noch die Kühe drübergelaufen.”
Noch heute sind in Polen die meisten Gräber deutscher Soldaten nicht als solche zu erkennen. Über 850.000 sollen es sein, davon etwas weniger als die Hälfte aus dem Ersten Weltkrieg. Während Friedhöfe mit diesen Toten, auf denen der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bereits in den Zwanziger Jahren Deutsche und Russen gemeinsam bestattet hat, von den polnischen Behörden bis auf den heutigen Tag erhalten wurden, gibt es von den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs bisher nur 8000 weit verstreute Einzelgräber. Sie werden von Privatpersonen wie den Pysas mit finanzieller Unterstützung des Volksbundes in Eigenintiative gepflegt. Von den restlichen 460.000 im letzten Krieg in Polen gefallenen deutschen Soldaten sind 300.000 auf alten Gräberlisten erfaßt. Aber niemand kann bisher sagen, ob diese Gräber noch existieren und wieviele von ihnen seit dem Kriegsende überbaut, zerstört oder beseitigt wurden.
Tief verwurzelte Ressentiments, die man nach allem, was Hitlerdeutschland im Zweiten Weltkrieg den Polen angetan hat, durchaus verstehen kann, verhinderten bis in die jüngste Zeit Verhandlungen über das Thema deutsche Kriegsgräber in Polen.
Erst 1990 trat erstmals eine gemeinsame deutsch-polnische Arbeitsgruppe unter Beteiligung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammen und beschloß die Instandsetzung und Neuanlage mehrerer Soldatenfriedhöfe. Fünf dieser Stätten konnten in der Zwischenzeit eingeweiht werden, 15 weitere sind in Planung. Aber nicht nur Kontakte auf offizieller Ebene sind wichtig.
”Langsam”, so sagt Gerd Krause, Geschäftsführer des Landesverbandes Bayern im Volksbund ”hoffen wir, auch in Polen das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, wie uns das in den 60-er Jahren in Frankreich gelungen ist. Dann wird hier für uns vieles leichter werden.”
Auch in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, könnte der Volksbund dieses Vertrauen gut gebrauchen. In der heute zu Rußland gehörenden Stadt im nördlichen Ostpreussen, die erst seit ein paar Jahren kein militärisches Sperrgebiet mehr ist, steckt Joachim Hoffmann, 50, vom Umbettungsdienst des Volksbundes seit Anfang dieses Jahres mitten in der Arbeit. Mindestens 15 verschiedene Grablagen mit deutschen Soldaten und im Krieg umgekommenen Zivilisten soll es in der früheren Hauptstadt Ostpreussens geben. Diese alle zu finden, die Toten zu identifizieren und auf einem neu anzulegenden Friedhof im Stadtbereich wieder beizusetzen, wird allerdings keine leichte Arbeit für den Umbetter werden.
Als nach Kriegsende die Russen sich die zerbombte Stadt einverleibten, räumten sie radikal mit dem jahrhundertealten deutschen Erbe auf. Historische Gebäude, die trotz starker Schäden durchaus zu erhalten gewesen wären, mußten bis auf den Dom, mit dessen Wiederaufbau erst jetzt, fünfzig Jahre nach seiner Zerstörung, begonnen wurde, einfallslosen Plattenbauten im sozialistischen Einheitsstil der 60-er Jahre weichen. Auch mit den deutschen Friedhöfen machten die neuen Herren der Stadt kurzen Prozeß. Sie wurden überbaut oder eingeebnet, so daß Joachim Hoffmann und seine vier russischen Arbeiter heute die alten Gräber oft erst nach mühevollen Probegrabungen finden können. Und manchmal wird diese Suche zu einem Wettlauf mit der Zeit, wie auf dem alten städtischen Friedhof an der Pillauer Straße, der heute eher einem verwilderten Wäldchen gleicht.
”Da hat gestern nacht wieder jemand gebuddelt”, sagt Hoffmann und deutete auf ein paar längliche Gruben zwischen Brennesselgestrüpp. In der krümeligen Erde sind deutlich ein paar bräunliche Rippenbögen und eine zerbrochene Schädeldecke zu erkennen. Hier waren wieder einmal Grabräuber am Werk.
”Die suchen ganz gezielt nach Erkennungsmarken, Koppelschlössern, Orden und Ehrenzeichen”, erklärt Hoffmann. ”Nach allem, was sich zu Geld machen läßt.”
Für ein paar Dollar bieten die Leichenfledderer ihre Beute dann ausländischen Touristen an, denen häufig gar nicht klar sein dürfte, was sie mit ihrem Kauf anrichten. Die Erkennungsmarke nämlich, die da als Souvenier mit nach Hause wandert, ist normalerweise die einzige Möglichkeit, wie der Umbetter die Identität eines Toten zweifelsfrei bestimmen kann. Nur anhand der auf der ovalen Metallscheibe eingestanzten Nummer ist die Deutsche Dienststelle in Berlin in der Lage, aus Millionen gefallenener deutscher Soldaten einen bestimmten herauszufinden.
”Dabei ist es so wichtig, diesen Toten ihre Namen wiederzugeben”, sagt Joachim Hoffmann, dessen eigener Vater in Italien gefallen ist und auf einem deutschen Soldatenfriedhof am Futa-Paß begraben liegt. ”Wenn man nicht selbst davon betroffen ist, weiß man gar nicht, was es für die Angehörigen oft auch nach fünfzig Jahren noch bedeutet, zu wissen: Hier liegt mein Mann, hier ist das Grab meines Vaters.”
Dieser menschliche Aspekt ist es auch, der Hoffmann die seelisch manchmal doch recht belastende Arbeit beim Umbettungsdienst leichter erträglich macht. Wenn er bei einem Toten zum Beispiel einen Ehering findet oder an zertrümmerten Knochen ablesen kann, wie qualvoll jemand gestorben ist, packt auch den erfahrenen Umbetter bisweilen noch das Grauen. ”Ein jeder, den wir da ausbetten, hat sein eigenes Schicksal”, sagt Hoffmann.
An die drei Millionen solcher Schicksale liegen, so schätzt man, noch irgendwo in den Ländern des ehemaligen Ostblocks in der Erde. Eine gigantische Aufgabe, für die der Volksbund seinen nach Abschluß der Arbeiten im Westen auf fünf Mitarbeiter reduzierten Umbettungsdienst in den letzten Jahren kräftig aufstocken mußte. 1993 waren bereits wieder 41 Umbetter mit cirka 150 Hilfskräften im Einsatz, ein Kraftakt, der den sich ausschließlich aus Spendengeldern finanzierenden Volksbund einen Großteil seiner Rücklagen kostete.

Aber es hat sich gelohnt. Im vergangenen Jahr wurden vom Umbettungsdienst bei rund 30.000 Suchgrabungen 14.015 Gefallene geborgen, von denen etwa die Hälfte identifiziert werden konnte. In diesem Jahr, so hofft Gerd Krause, werden es bereits rund 20.000 Tote sein, die auf diese Weise dem Vergessen entrissen werden können.


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© Thomas A. Merk 1994

 

 

 

 

 

 

 

 
   
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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