Gedenktage zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat es in diesem Jahr wahrlich genug gegeben. Auch wenn es seit dem 8. Mai wieder etwas stiller geworden ist, darf nicht vergessen werden, daß auch nach der Kapitulation Deutschlands noch Menschen durch diesen Krieg starben. Wenn die Helfer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in den nächsten Tagen wieder mit der Sammelbüchse unterwegs sind, dann tun sie das nicht nur für die Erhaltung deutscher Kriegsgräber in Ost und West, sondern auch für einen fast vergessenen Flüchtlingsfriedhof im dänischen Öksböl
”Die könnten heuer ihren fünfzigsten Geburtstag feiern”, sagt Wolfram Schmidt und deutet auf das Grab der Zwillinge Lothar und Manfred Rutkowski.
Es ist ein Kreuz aus grünlich-grauem belgischen Granit, kurz und gedrungen, mit schmalem Quer- und extrem breitem Mittelbalken. Und es zeigt, daß die Zwillinge Rutkowski nicht einmal ihren ersten Geburtstag erlebten. Geboren am 22.9.1945, als der Krieg bereits viele Wochen zu Ende war, starben sie, nicht einmal zwei Monate alt, im Flüchtlingslager Öksböl im südlichen Dänemark.
”Dieses Grab geht mir jedes Mal wieder unter die Haut”, sagt Schmidt, selbst Jahrgang 1946. Als Geschäftsführer des Landesverbandes Schleswig Holstein im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist er zuständig für Erhaltung und Pflege der Soldaten- und Flüchtlingsfriedhöfe in Dänemark. Und somit ein profunder Kenner der Ereignisse, die sich vor und nach Kriegsende hier abgespielt haben.
Seit dem Januar 1945, als die immer weiter vorrückende Rote Armee Hunderttausende von Deutschen aus Ost- und Westpreussen sowie Pommern vor sich hertrieb, brandete ein nicht mehr versiegender Flüchtlingsstrom an die Küste des damals noch von den Deutschen besetzten Dänemark. Auf überladenen, nur höchst unzureichend mit Proviant und Trinkwasser versehenen Schiffen dauerte die Fahrt über die Ostsee, für die moderne Fähren heute nur wenige Stunden brauchen, oft bis zu zehn und mehr Tage. Eine Anzahl Schiffe freilich erreichte ihr Ziel überhaupt nicht. Sie liefen auf Minen, wurden von den Sowjets torpediert wie der ehemalige Kreuzfahrtdampfer ”Wilhelm Gustloff”. Auch britische Jagdbomber schlugen zu und versenkten in der Neustädter Bucht die ”Cap Arcona” und ”Thielbek” mit 7000 KZ-Häftlingen an Bord.
Wer es an die westlichen Ufer der Ostsee schaffte, sah einer ungewissen Zukunft entgegen. Als immer mehr Menschen nach Dänemark strömten, wußte die deutsche Besatzungsmacht bald nicht mehr, wo sie die vielen Flüchtlinge unterbringen sollte. So beschlagnahmte die Wehrmacht bis zur Kapitulation am 5.Mai viele Hotels und Pensionen, aber auch Schulen, Fabriken und Sporthallen, die sich freilich für die Unterbringung der Menschenmassen auf kleinstem Raum nur schlecht eigneten. Die hygienischen Zustände waren, ebenso wie die medizinische Versorgung, katastrophal. Mit der Verpflegung sah es oft noch schlechter aus.
Als die Dänen nach dem Abzug der Deutschen wieder Herren im eigenen Land wurden, erbten sie von den Besatzern das Problem der Flüchtlinge. Die waren inzwischen auf eine Viertelmillion angewachsen und machten damit gut fünf Prozent aller Einwohner des Dänemarks aus.
Es war keine leichte Aufgabe, die die Behörden zu bewältigen hatten. Es galt, Schulen und andere öffentliche Gebäude wieder für deren ursprüngliche Aufgaben frei bekommen, zuallererst aber mußte verhindert werden, daß Seuchen wie Typhus, Fleckfieber und Diphterie, die sich unter den entkräfteten Flüchtlingen rasant ausgebreitet hatten, auf die eigene Bevölkerung übergriffen.
Also verfrachtete man die Vertriebenen in noch von der deutschen Wehrmacht für die Truppe angelegte Barackenlager, umgab sie mit Zäunen und ließ sie von ehemaligen Widerstandskämpfern bewachen.
Die dänische Verwaltung war mit der Unterbringung dieser vielen Menschen anfangs heillos überfordert. In den vollgepfropften Lagern fehlte es in den ersten Monaten nach Kriegsende hauptsächlich an ärztlicher Versorgung und ausreichend Medikamenten, so daß die von der strapaziösen Flucht entkräfteten Menschen auch normalerweise nicht lebensbedrohlichen Krankheiten wie Grippe oder Durchfall erlagen. So starben allein in den Monaten Mai und Juni 1945 in dänischen Flüchtlingslagern 4.362 deutsche Zivilisten, darunter 2.403 Kinder.
Verhungert allerdings ist in Dänemark kein einziger Flüchtling - die Lagerverpflegung war mit den staatlich verordneten 2000 bis 2500 Kalorien meist reichhaltiger als die Ernährung vieler Menschen im Deutschland der Nachkriegszeit.
Als klar wurde, daß an eine rasche Abschiebung der Flüchtlinge wegen der katastrophalen und völlig instabilen Lage im ehemaligen Reichsgebiet zunächst überhaupt nicht zu denken war, richteten die Dänen im September 1945 eine eigene Flüchtlingsverwaltung ein, deren Leitung der Bau- und Wohnungsminister Johannes Kjaerbøl innehatte.
Rasch wurden die vorhandenen provisorischen Flüchtlingscamps zu zentralen Großlagern ausgebaut, in denen die vertriebenen Deutschen zusammengefaßt wurden. Öksböl mit seinen 35.000 Bewohnern war nicht nur das größte dieser Lager, sondern auch die fünftgrößte Siedlung Dänemarks.
Daß es nahe bei Esbjerg lag, wo heute Sommer für Sommer Zehntausende deutscher Touristen auf die Ferieninsel Fanö übersetzen, ist eine jener Kapriolen, wie sie die Geschichte der Völker gelegentlich schlägt.
Das ehemalige Militärlager Öksböl wuchs in kurzer Zeit zu einer großen Barackenstadt heran mit Lagerlazarett, Kirchen für die verschiedenen Konfessionen, Kino- und Theatersaal. Bald begann auch die Einrichtung von Werkstätten, die einerseits zur sinnvollen Beschäftigung der Flüchtlinge, andrerseits der Produktion von Gegenständen dienten, die ihnen das tägliche Leben erleichtern sollten. Es entstanden Besen- und Bürstenbindereien, Mattenflechtereien, Buchbindereien, Nähstuben, Schneidereien und Schuhmachereien. Da sie teilweise mehr produzierten, als im Lager benötigt wurde ”exportierten” sie ihre Erzeugnisse sogar in andere Flüchtlingssiedlungen.
Neben diesen Werkstätten wurden Kindergärten und Schulen für die über 16.000 Kinder und Jugendlichen im Lager geschaffen, für die unter dänischer Aufsicht 400 Lehrkräfte aus den Reihen der Flüchtlinge ”entnazifiziert” wurden. Schließlich konnte man in Öksböl sogar das deutsche Abitur ablegen.
Für Ordnung im Lager sorgten eine 300 Mann starke, aus Flüchtlingen gebildete Polizeitruppe sowie ein Richter und zwei Schöffen, die Streitigkeiten zu schlichten hatten und Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten verhängen konnten.
Die dänische Regierung, für die der Unterhalt der Flüchtlingslager eine erhebliche finanzielle und organisatorische Belastung darstellte, strebte freilich an, daß alle Vertriebenen möglichst bald in dem unter den vier Besatzungsmächten aufgeteilten Deutschland Aufnahme fänden. Doch das war schwer zu verwirklichen. Nur tröpfchenweise kam die Umsiedlung zustande. Die deutschen Länder waren mit anderen Vertriebenen aus dem Osten bereits überbelegt. Da konnten die in Dänemark ruhig noch ein bißchen warten.
Verständlich, daß sich unter den Flüchtlingen selbst Unmut regte. In mehreren Demonstrationen machten sie 1947, nachdem sie zwei Jahre hinter Zäunen und Stacheldraht zugebracht hatten, ihrer Verbitterung Luft. Dennoch dauerte es noch einmal weitere zwei Jahre, bis die letzten Flüchtlinge am 15. Februar 1949 auf dem Bahnhof Kolding in den Zug nach Deutschland steigen konnten. Minister Kjaerbøl verabschiedete sie feierlich. Etwa 450 Millionen Kronen hatte die dänischen Steuerzahler die Unterbringung der deutschen Flüchtlinge gekostet.
Das Lager Öksböl war bereits am 15. Dezember 1948 aufgelöst worden. Kurz darauf mußten dänische Militärdienstverweigerer die fast 1400 Baracken abreissen.
Heute ist aus einem Großteil des ehemaligen Lagergeländes ein Wohngebiet mit schmucken Einfamilienhäusern geworden, und nur noch wenig erinnert daran, was sich hier vor fünfzig Jahren abgespielt hat. Im Heimatmuseum des Ortes gibt es eine eigene Abteilung, in der man die Einrichtung von Flüchtlingsbaracken und die im Lager gefertigten Gegenstände besichtigen kann - von der Strohmatte bis hin zum deutschen Stahlhelm, den man mit drei angeschweißten Füßchen zum Nachttopf für die Kinder umfunktioniert hatte.
Das ehemalige Lazarett, das heute als Jugendherberge genutzt wird, ist bis auf ein kleines Nebenhaus das einzig erhalten gebliebene Gebäude des Lagers Öksböl. Daneben liegt der Friedhof, den die Flüchtlinge damals selbst angelegt und gepflegt haben und auf dem in Urnen und roh zusammengezimmerten Särgen in dreieinhalb Jahren 1.279 Leichen beigesetzt wurden - keine Toten des Krieges mehr, aber eben doch Kriegstote.
Die von den Lagerinsassen gesetzten einfachen Holzkreuze wurden Ende der Sechziger Jahre, als der Friedhof in die Obhut des Volksbundes kam, durch Steinkreuze abgelöst, auf denen vorne und hinten je zwei Namen Platz haben. Heute ist er mit seinem kleinen Birken- und Kiefernwäldchen, mit Oleanderbüschen und Erika zwischen den Gräbern ein Ort der Stille und der Erinnerung an ein fast unbekanntes Kapitel des letzten Weltkriegs.
Ein Blick ins Friedhofsbuch zeigt, daß die Toten von Öksböl auch heute noch nicht vergessen sind: Seitenweise finden sich Eintragungen von Besuchern, die einst als Kinder im Lager waren, zum Teil sogar hinter Stacheldraht geboren wurden und Jahr für Jahr wiederkommen, um an den Gräbern von Eltern, Großeltern und Geschwistern zu trauern und Blumen niederzulegen.
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