Im Frühherbst ist der Stadtrand des Eisenbahnknotenpunktes Mga, 40 km östlich von Sankt Petersburg eine stille, ländliche Idylle. Ein zottiger Hund trottet eine Sandstraße entlang, und in den Gärten vor den buntgestrichenen Holzhäusern warten Kraut, Rüben und rote Johannisbeeren darauf, geerntet zu werden.
Die Männer allerdings, die seit Mitte September im Garten von Michail Gawrilow zu Gange sind, fahren eine ganz andere Ernte ein als Obst und Gemüse. Vorsichtig, um nur ja keines der Beete zu beschädigen, haben sie längliche, etwa eineinhalb Meter tiefe Löcher in den lockeren Sandboden gegraben. Nun holen sie unscheinbare, schwarzbraune Gegenstände heraus, die man erst beim zweiten Hinsehen als menschliche Gebeine erkennen kann.
Es sind die Knochen deutscher Soldaten, gefallen in den erbitterten Kämpfen um die von der Wehrmacht von 1941 bis 1944 fast vollständig eingeschlossene Stadt Leningrad, die seit 1991 wieder St. Petersburg heißt. Sechs russische Arbeiter säubern sie sorgfältig und legen sie in kleine, graue Plastikwannen. Leiter dieser Aktion ist Uwe Lemke (37) aus Berlin, von Beruf Umbetter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Hier, im Großraum St. Petersburg, holt er die Gebeine deutscher Gefallener aus alten Friedhöfen, die noch im Krieg von den Gräberoffizieren der deutschen Wehrmacht angelegt und nach 1945 größtenteils eingeebnet und einer anderen Nutzung zugeführt wurden.
”Als wir den Grund für unser Haus zugewiesen bekamen”, erinnert sich Michail Gawrilow, der 58-jährige Besitzer des Grundstückes, auf dem in diesem Herbst Grab um Grab geöffnet wird, ”standen hier noch die Kreuze. Aber was sollten wir machen? Entweder hier oder gar nicht hat man uns damals gesagt.” Gawrilow ist froh, daß ihm endlich jemand die Gebeine aus dem Garten holt. ”Die gehören doch nicht hierher”, meint er, ”sondern auf einen ordentlichen Friedhof.”
Für Uwe Lemke ist seine Arbeit eine praktische Umsetzung des Volksbund-Mottos ”Versöhnung über den Gräbern”. Mit Stolz berichtet er, daß er in den drei Jahren, die er nun schon im Raum St. Petersburg tätig ist, nicht eine einzige Beschwerde von Seiten der Bevölkerung erhalten hat. Er und seine Arbeiter achten peinlich genau darauf, daß sie in den Gärten nichts kaputtmachen, schließlich ist selbstgezogenes Gemüse bei den inflationär hohen Lebensmittelpreisen im krisengebeutelten Rußland ein wichtiges Gut. ”Deshalb können wir mit unserer Arbeit auch erst nach der Kartoffelernte im September anfangen”, erzählt Lemke. Drei Monate später, wenn der Boden steinhart gefroren ist, müssen seine Arbeiter wieder aufhören.
Im Großen und Ganzen ist hier in Mga die Arbeit der Umbetter vergleichsweise einfach. Weil die Gräber des alten deutschen Wehrmachtsfriedhofs sich größtenteils auf Privatgrundstücken befinden, kam es nur zu wenigen Grabplünderungen, die anderswo in Rußland für den Umbettungsdienst ein großes Problem darstellen.
Ganz anders als in Mga sieht es auf dem ehemaligen deutschen Lazarettfriedhof in Lubau aus. In dem kleinen Ort an der Bahnlinie St.Petersburg-Moskau gräbt Lemkes zweite Arbeitsgruppe auf freiem Feld in schwerem Lehmboden. ”Hier waren Profis am Werk”, sagt Lemke und verweist auf in der Grasnarbe noch gut sichtbare Stichgräben, die sich kerzengerade durchs Gelände ziehen. ”Hier haben in den Sechziger Jahren Grabräuber genau auf Kopfhöhe der Gefallenen gegraben, um sich die Goldzähne herauszuholen.” Ein Glück, daß es diese Plünderer damals nicht auf die Erkennungsmarken der Toten abgesehen hatten, die heute in St. Petersburg für fünf Dollar pro Stück an Touristen verscherbelt werden. ”Den Leuten, die so etwas kaufen, ist vermutlich nicht klar, was sie damit anrichten”, meint Lemke. Ein Toter ohne Erkennungsmarke ist nicht mehr eindeutig identifizierbar, und damit wird aus einem bekannten Toten ein unbekannter, der nur noch in einem ”Kameradengrab” bestattet werden kann.
Warum, so wird Lemke des öfteren gefragt, läßt man diese Toten nicht einfach dort liegen, wo sie nun schon einmal ruhen? Der Grund dafür sind die Vielzahl der überall verstreuten Grablagen, antwortet darauf der Umbetter. Denn allein zwischen St. Petersburg und der 200 Kilometer entfernten Stadt Nowgorod gibt es 380 alte Wehrmachtsfriedhöfe, die unmöglich mit angemessenem finanziellem Aufwand zu pflegen sind. Und außerdem soll das Land vielerorts anderweitig genutzt werden und wird es bereits. ”Da drüben unter dem Lenindenkmal liegen zum Beispiel 14 deutsche Soldaten”, sagt Lemke. ”Vielleicht wird das Denkmal ja demnächst beseitigt, dann kommen wir auch an die ran.”
Über die Zusammenarbeit mit Bevölkerung und Behörden in Rußland weiß Lemke nur Gutes zu berichten. Überall wird er freundlich aufgenommen, oft zeigen ihm auch alte Leute Soldatengräber, die er sonst nie gefunden hätte. Was sicherlich zu dem guten Verhältnis zur Bevölkerung beiträgt, ist die Tatsache, daß der Volksbund in der Hauptsache einheimische Arbeiter beschäftigt und diese für russische Verhältnisse überdurchschnittlich gut bezahlt. Und wenn Not am Mann ist, hilft man auch der russischen Kriegsgräberorganisation Wojennyje Memorialy, die fünfzig Jahre nach Kriegsende nun ebenfalls darangeht, ihre eigenen Gefallenen zu bergen. Dies gestaltet sich nicht immer einfach, denn Stalin hat die russischen Toten oft in Massengräbern regelrecht verscharren lassen, um vor der Bevölkerung die wahren Verluste des ”Großen Vaterländischen Krieges” zu verschleiern. So gibt es zwar für die über 600.000 bei der Belagerung von Leningrad an Krankheiten und Hunger gestorbenen Zivilisten ein großes Ehrenmahl mit Gräberfeld, aber kaum Friedhöfe für die toten russischen Soldaten. Einer der wenigen im Raum St. Petersburg ist der Friedhof von Mjasni Bor, auf dem eine erst kürzlich gebaute Andachtskapelle einen merkwürdigen Kontrast zu der noch aus sozialistischer Zeit stammenden, überlebensgroßen Figurengruppe bildet.
Die deutschen Soldatenfriedhöfe, die nach und nach in Rußland entstehen sollen, wirken dagegen sehr viel schlichter. ”Friedhöfe wie in Frankreich, auf denen jeder Soldat sein eigenes Kreuz mit Namensschild hat, wird es hier nicht geben”, meint Uwe Lemke. Das wäre bei der riesigen Menge der Toten viel zu teuer. Außerdem wäre das angesichts der Tatsache, daß es nur wenige russische Soldatenfriedhöfe gibt, nicht sehr taktvoll dem Gastland gegenüber.
Ein Musterbeispiel für künftige Anlagen des Volksbundes Deutsche ist der Friedhof von Nowgorod am Wolchow, der am 21. September 1996 im Beisein russischer Lokalpolitiker und des deutschen Botschafters Ernst-Jörg von Studnitz eingeweiht wurde. Unter dem kurzgeschnittenen Gras ringförmig angelegter Gräber liegen hier bis jetzt cirka 1000 Tote, deren Namen man auf Tafeln nachlesen kann, die um ein zentrales Hochkreuz angeordnet sind. Dazu kommen Gruppen von jeweils drei beieinanderstehenden Steinkreuzen, ein halbhoher Begrenzungswall, ein Busparkplatz und ein Eingangstor. Bis zu 20.000 Tote aus den Kämpfen am Wolchow und am Ilmensee wird die Anlage in den nächsten Jahren aufnehmen können, ein weiterer Friedhof mit 70.000 Gräbern bei Sologubowka ist schon in Planung.
Auf diesem Friedhof sollen dann auch die Toten, die Uwe Lemkes Männer aus den Gärten von Mga geborgen haben, ihre letzte Ruhe finden. Doch das ist nur der Anfang. An die 2,2 Millionen deutsche Tote, so schätzt man, liegen noch auf etwa 118000 Grablagen verstreut noch auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, darunter über eine Million in Lagern verstorbene Kriegsgefangene. Auch wenn es sicherlich nicht gelingen wird, alle diese Gebeine zu bergen, so wird Uwe Lemke und seinen Kollegen vom Umbettungsdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Arbeit so schnell nicht ausgehen.
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