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Galizien, 1997

Vom "Kronland der Sehnsucht" zum blutigen Schlachtfeld

Eine Reportage von Thomas A. Merk

Galizien? Wer weiß auf Anhieb, wo Galizien liegt? Galizien mit ”Z”, wohlgemerkt, nicht das nordwest-spanische Galicien, in das sich doch hin und wieder ein deutscher Tourist verirrt.

Galizien - das sind an die 500 Kilometer meist hügelige, von Flußtälern durchschnittene Landschaft, die sich am Nordrand der Karpaten entlangzieht, vom ehemaligen Ostoberschlesien bis hinunter in die Bukowina. Slawische Stämme siedelten sich dort nach der Völkerwanderung an, Polen im Westen, Ukrainer und Ruthenen im Osten. Ein europäischer Raum mit bewegter Geschichte, der heute zu Unrecht fast vergessen ist und dessen Erde gerade in unserem Jahrhundert mit Blut getränkt wurde.

”Das Kronland der Sehnsucht”, wie der in Galizien geborene Schriftsteller Josef Roth den melancholischen Streifen Land an der Grenze der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie mit dem Zarenreich Rußland genannt hat, wurde 1914 zum ersten großen Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs. Ein Vierteljahrhundert später, als im Jahr 1939 die deutsche Wehrmacht das nun polnische Land überrannte, gab es wieder Tote in Galizien, und fünf Jahre danach, als die Rote Armee Polen zurückeroberte, mußten hier abermals Soldaten ihr Leben lassen. Hunderttausende von Gefallenen ruhen seitdem in der galizischen Erde: polnische, deutsche, russische, ungarische, österreichische, sowjetische. Die meisten von ihnen, vor allem die armen Muschiks des Zaren, sind verscharrt in vergessenen, längst überwucherten Massengräbern. Doch es gibt auch Soldatenfriedhöfe in diesem Land, viele Friedhöfe, halbverwilderte und schön gepflegte. Und seit sich nach dem Zerfall der Sowjetunion auch Osteuropa der Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge öffnete, kommen neue, würdig gestaltete hinzu.

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Krakau an der Weichsel, Herbst 1997. Der weite Marktplatz rund um die fast italienisch anmutenden Renaissance- Markthallen atmet noch immer den alten Charme der Donaumonarchie.  In der Marienkirche stehen die Besucher andächtig vor dem großartigen Altar des Nürnberger Schnitzers Veit Stoß. Auch droben auf dem Wawel, dem Residenz-, Krönungs- und Begräbnishügel polnischer Könige, drängen sich die Touristen, unter denen auch viele deutsche sind. Kaum einer von diesen weiß freilich (und kein Fremdenführer macht wohl darauf aufmerksam), daß es unten, im großen städtischen Friedhof, auch ein Gräberfeld mit deutschen Soldaten gibt - und dabei ist gerade dieses ein Symbol für den jüngsten Wandel der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen.

Rund 3900 im Polenfeldzug 1939 Gefallene oder später in Krakauer Lazaretten verstorbene Wehrmachtangehörige wurden dort im Zweiten Weltkrieg in Einzelgräbern bestattet. 1948 ließ die Stadtverwaltung rund 1100 von ihnen ausgraben und setzte sie in zwei Sammelgräbern wieder bei, die jedoch in den 70-er Jahren eingeebnet und mit Zivilgräbern überbettet wurden. Unangetastet hingegen blieben zwei überwucherte Grasflächen, unter denen heute noch 2747 deutsche Soldaten ruhen.       Als der Volksbund nach 1990 endlich in Polen arbeiten durfte, machte er das, was heute beispielhaft nicht nur für Krakau, sondern für viele andere deutsche Kriegerfriedhöfe in Osteuropa ist: Er begrünte die noch vorhandenen Gräberflächen neu, besetzte sie mit symbolischen Granitkreuz-Gruppen und errichtete in der Mitte ein Hochkreuz, um das flache Metallplatten mit den Namen aller hier liegenden Soldaten gruppiert sind. Auch diejenigen sind verzeichnet, deren Gebeine die Polen 1948 in den nun verschwundenen Massengräbern sammelten - weil der Volksbund aus alten Unterlagen die Personalien der dort liegenden Toten kennt, bleibt ihr Andenken auf den Tafeln erhalten.       Und noch etwas fällt auf: Das deutsche Gedenkfeld grenzt direkt an den freilich etwas pompöseren polnischen Soldatenfriedhof, und gleich nebenan liegen die Besatzungen britischer Bomber begraben, die im August 1944 bei dem Versuch, die polnischen Aufständischen in Warschau zu unterstützen, von deutscher Flak abgeschossen wurden. Zu guter Letzt kommt auch noch eine jener sowjetischen Begräbnisstätten hinzu, die von der Roten Armee in den ”befreiten” Gebieten angelegt wurden. All dies, einträchtig nebeneinander, macht deutlich, daß hier eine wirkliche ”Versöhnung über Gräbern” stattgefunden hat. Ob das wohl daran liegt, daß sich in unmittelbarer Nähe der vielen Soldatengräber das mit unzähligen Blumen und Kerzen geschmückte Grabmal der Wojtylas, der Eltern des polnischen Papstes befindet, der immer wieder zur Versöhnung mahnt?

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Sechs Jahre, bevor Karol Woytila geboren wurde, marschierten 1914 in Galizien die österreichisch-ungarischen Armeen gegen die ”russische Dampfwalze” auf. Anfangs noch dichtgeschlossen und mit fliegenden Fahnen ließen österreichische und russische Generäle ihre Regimenter immer wieder gegeneinander anrennen, bis auch Elitetruppen wie die Kaiserjäger im Maschinengewehr- und Artilleriefeuer des Gegners ausgeblutet waren. Bei diesem hin- und herwogenden Ringen behielten die Russen zunächst die Oberhand. Die Stadt Lemberg im Osten ging verloren, die starke Festung Przemysl hielt sich, trotz Belagerung, fünf Monate lang und kapitulierte dann im März 1915 mit halbverhungerten 120 000 Mann. Die Deutschen, die im Norden bei Tannenberg und in Masuren die Russen geschlagen hatten, mußten dem bedrängten Verbündeten helfen. Und so kamen, im Frühling 1915, erstmals auch bayerische Soldaten nach Galizien. Zusammen mit preußischer Garde war die 11. (bayr.) Infanteriedivison Speerspitze beim ”Durchbruch zwischen Gorlice und Tarnow”, einer der wenigen erfolgreichen Durchbruchsschlachten des Ersten Weltkriegs. Die Bayern nahmen vom Norden her die von den Russen hartnäckig verteidigten Forts von Przemysl, zogen siegreich in die Stadt ein und strebten weiter nach Osten, auf Lemberg zu. Zurück blieben die Gräber.

Kein Vierteljahrhundert später, im September 1939, waren es wiederum bayerische Truppen, die durch Galizien marschierten. Die 1. Gebirgsdivision trat, vorwärtsgejagt von ihrem Kommandeur Generalmajor Konrad Kübler, den die Soldaten ”Latschen-Nurmi” nannten, aus der Hügelkette der Beskiden heraus die sogenannte ”Sturmfahrt auf Lemberg” an. Die Soldaten aus Garmisch- Partenkirchen kamen zwar bis vor die Stadt, wurden dort aber von polnischen Verbänden eingeschlossen. Nachdem die Münchner 7. Infanteriedivison ihre Kameraden aus ihrer prekären Lage befreit hatte, ergab sich Lemberg den Bayern. Die allerdings durften nicht in die alte Festungsstadt einmarschieren, denn inzwischen war auch die Rote Armee in Polen einmarschiert und erhob nun Anspruch auf das ihr im Hitler-Stalin- Pakt zugesprochene Gebiet. So kam es, daß sich am 21.September 1939 deutsche und russische Offiziere bei Lemberg freundschaftlich die Hände reichten.     

Knappe zwei Jahre später, als im Juni 1941 dieselbe 1.Gebirgsdivision abermals gegen Lemberg antrat und der Roten Armee die Stadt wieder abnahm, war von dieser ”Freundschaft” nichts mehr übrig. Und wieder gab es Tote um Tote.

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 Vom alles beherrschenden zentralen Hügel der alten Festung betrachtet, erinnert die Stadt Przemysl mit ihren behäbigen Kirchtürmen ein wenig an Salzburg. Die zerschossenen Bollwerke, die diese Stadt einst schützen sollten, sind längst zugewuchert, unter Buschwerk und grünen Wäldern verschwunden. Geblieben sind die Soldatengräber: Polnische, russische, k.u.k.- Friedhöfe und ein noch im Ersten Weltkrieg entstandenes, pompöses ”preussisches Mausoleum”, das heute unter Denkmalschutz steht. In dessen Nähe hat der Volksbund vor zwei Jahren einen neuen Soldatenfriedhof eingeweiht. Die Gebeine von mehr als 5200 Gefallenen, die meisten namentlich bekannt, wurden dort auf einer terrassenförmigen Anlage zusammengetragen. Dem Ort angepaßt ist das von einem einheimischen Künstler gestaltete Monument, das die Grabkreuze überragt: Zwei Betonklötze, wuchtig wie Bunker, die nur aus einer bestimmten Richtung einen kreuzförmigen Einschnitt erkennen lassen, durch den der Blick bis an die nahe Grenze zur Ukraine schweifen kann. Auch dort erwarten den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in den nächsten Jahren noch Aufgaben, die viel Zeit, Geld und Engagement erfordern werden.

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© Thomas A. Merk 1997