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Wolgograd, 2000

Die vergessenen Toten von Stalingrad

Eine Reportage von Thomas A. Merk


In dem kleinen Ort Zaza, 75 km südöstlich von Wolgograd im Süden der russischen Republik, ist es am späten Vormittag so still, dass man die Blätter an den Bäumen rascheln hören kann. Weit und breit kein Automotor, kein Traktordiesel, nur der Hufschlag eines Pferdes, das langsam einen leeren Karren über die Dorfstraße aus bröckelnen Betonplatten zieht, stört die ländliche Idylle des Septembermorgens.
Ein Tag wie jeder andere in Zaza, könnte man meinen, wenn da nicht der Toyota-Geländewagen wäre, der vor einem der etwas windschiefen, buntbemalten Holzhäuser neben dem Dorfteich steht. Dahinter, im Gemüsegarten von Maria Iwanowna Gardeschewa tun sich sonderbare Dinge. Schon in der Früh haben Arbeiter mit langen Sonden aus Edelstahl in der Erde zwischen Paprikapflanzen und dicken Krautköpfen herumgestochert. Dann legten sie vorsichtig die reifen Melonen beiseite und fingen unter den kritischen Blicken von Maria Iwanowna und Schäferhund Daisy an, den spätsommerlich trockenen Boden auf zu graben.
Jetzt sind die drei länglichen Löcher gut anderthalb Meter tief und Aran Simonow, ein junger Armenier, holt nach und nach immer mehr bräunliche Knochen aus der Erde, die er vorsichtig in eine kleine, graue Plastikwanne legt. Es sind die Reste eines deutschen Soldaten, der vor fast 60 Jahren hier beerdigt wurde. Schließlich legt Aran seine kleine Handschaufel beiseite und reicht ein unscheinbares Metallstück aus dem Grab.

"Die Erkennungsmarke", erklärt Heinz Schildberg, der den Einsatz im Gemüsegarten von Maria Iwanowna leitet. Vorsichtig kratzt er die festgebackene Erde von dem angelaufenen Aluminium und legt die Buchstaben "Reit.Ers.Rgt. Nr 461" frei. "Sieht ganz so aus, als würden wir den hier identifizieren können", meint der Thüringer, der von Beruf Umbetter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist.
Dass die Toten, die Schildberg und seine Arbeiter hier im Süden Russlands aus der Erde holen, noch eine Erkennungsmarke haben, ist leider nicht selbstverständlich. Schließlich zahlen Militariahändler bis zu zwei Mark für die halbrunden Metallplättchen und das ist bei den geringen russischen Löhnen eine Menge Geld. "Viele Gräber, die wir hier gefunden haben, sind geplündert worden", erzählt Schildberg. "Dabei bleiben die Toten, die keine Erkennungsmarken haben, für immer unidentifizierbar."
Zehntausende von Toten haben die Umbetter des Volksbundes schon exhumiert, hier, in der Nähe von Wolgograd, das bis 1961 noch Stalingrad hieß - ein Name, bei dessen Nennung einem selbst an diesem warmen, sonnigen Septembertag ein kalter Schauder den Rücken hinunterläuft.

Im Herbst 1942 biss sich die deutsche 6.Armee, von Hitler zur Eroberung der sowjetischen Erdölgebiete am Kaukasus tief in den Süden Russlands geschickt, am Widerstand der Roten Armee in Stalingrad fest. In beispiellos grausamen Nahkämpfen rangen deutsche und russische Soldaten um jeden Straßenzug, jedes Haus der Industriestadt an der Wolga, die seit 1926 den Namen des sowjetischen Dikators trug. Als die Deutschen schließlich die Oberhand zu behalten schienen und Stalingrad bis auf ein kleines Gebiet am Fluss in ihrer Hand war, wurden sie im November von überlegenen russischen Kräften eingekesselt. Was folgte, war das eigentliche Drama von Stalingrad. Die 6. Armee unter dem zögerlich agierenden General Friedrich Paulus, die anfänglich gute Chancen gehabt hätte, den Kessel aus eigener Kraft zu sprengen, wurde auf strikten Befehl Hitlers zum Halten der Stadt gezwungen - und damit zu ihrem vollständigen Untergang verdammt.
Trotz großspuriger Versprechen von Reichsmarschall Göring, die 230.000 eingeschlossenen Soldaten aus der Luft zu versorgen, wurden in der Stadt bald Treibstoff, Munition und Lebensmittel knapp. Die Ju 52 der Transportgeschwader, die täglich in den Kessel flogen, konnten gerade mal ein Drittel der benötigten Güter transportieren und mussten wegen russischer Angriffe auf ihre Ausgangsbasen immer weitere Strecken zurücklegen.

Als kurz vor Weihnachten ein letzter Entsatzversuch wenige Kilometer von der Stadtgrenze scheiterte, war das Schicksal der 6.Armee besiegelt. Von einer verantwortungslosen Führung dem "Heldentod" überlassen, kämpften viele Soldaten buchstäblich bis zur letzten Patrone, wenn sie nicht schon zuvor elendig an Hunger oder Krankheiten zugrunde gegangen waren. Am 13. Januar 1943 hob das letzte Flugzeug mit 19 Verwundeten und sieben Postsäcken an Bord ab, danach eroberten die Russen die einzige noch verbliebene Landebahn und Versorgungsgüter konnten nur noch über der sterbenden Stadt abgeworfen werden. Der Zustand der Soldaten, die häufig zu schwach waren, um die Behälter aus dem meterhohen Schnee zu bergen, verschlechterte sich von Tag zu Tag. Am 31. Januar kapitulierte ein bis zum Skelett abgemagerter General Paulus, den Hitler am Tag zuvor per Funkspruch zum Feldmarschall befördert hatte und ging mit 100.000 Mann in die russische Kriegsgefangenschaft, die nur 6143 von ihnen überleben sollten.
Weitere 100.000 deutsche Soldaten blieben tot auf dem Schlachtfeld zurück. Viele von ihnen konnten in den Wirren des Untergangs im steinhart gefrorenen Boden nicht mehr begraben werden und wurden im Frühjahr von den Sowjets in Massengräber geworfen oder verbrannt. Andere, die beim Vormarsch und in der ersten Phase der Schlacht starben, hat noch der Gräberdienst der Wehrmacht in hastig angelegten Feldfriedhöfen beigesetzt, die kurz nach dem Krieg auf Stalins Befehl eingeebnet und unkenntlich gemacht wurden. Viele von ihnen wurden mit Siedlungen überbaut, und über die dort liegenden Gefallenen senkte sich ein halbes Jahrhundert lang der Schleier des Vergessens.
Zu ihnen gehören auch die Toten von Zaza, die Heinz Schildberg und seine Arbeiter ausgraben.

"Ich war dabei, als die Deutschen sie hier hineinlegten", erzählt ein alter Mann, der inzwischen an den Rand der Grube getreten ist, in der Aran jetzt den Schädel aus der braunkrümeligen Erde holt. An den blitzend weißen Zähnen kann man erkennen, dass der Tote als ganz junger Mann gestorben ist. "Die waren höchstens 19, 20 Jahre alt", bestätigt Viktor Iwanowitsch Wilkow, der 1942 als Neunjähriger die Bestattung der Toten mit angesehen hat. Er war es auch, der den Umbettungsdienst des Volksbunds auf die Gräber in den Gemüsegärten aufmerksam gemacht hat.

Der Volksbund, erklärt Schildberg, ist auf solche Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Zwar hat man die die alten Gräberlisten der Wehrmacht, aber deren Ortsangaben sind oft zu ungenau, um die alten Friedhöfe nach fast 60 Jahren exakt lokalisieren zu können. Die Suche ist oft mühsam und verschlingt - ebenso wie das Anlegen neuer Sammelfriedhöfe - viel Geld. Obwohl die Bundesregierung die Arbeit des Volksbundes seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs finanziell unterstützt, stammt das meiste davon nach wie vor aus privaten Spenden, von denen ein Großteil bei der alljährlichen Haus- und Straßensammlung zusammenkommt.

Seit 1992, kurz nach der Unterzeichnung des deutsch-russischen Gräberabkommens, ist der Volksbund im Raum Wolgograd tätig, und im Lauf der Jahre hat sich das anfängliche Misstrauen der Bevölkerung grundlegend gewandelt. Jetzt, wo sich herumgesprochen, dass die Umbetter des Volksbundes entgegen anderslautender Propaganda keine unverbesserlichen Altnazis sind, die hier in Russland nach ihren toten Helden suchen, kommen immer mehr Menschen zu ihnen und machen sie auf Grablagen aufmerksam, an die sie sich noch aus ihrer Jugend erinnern. Auf diese Weise sind aus den 25.000 Toten, die man im Raum Wolgograd zu bergen hoffte, bereits über 30.000 geworden und beim Volksbund rechnet man damit, dass in den nächsten Jahren noch einmal etwa 10.000 dazu kommen werden.

Eingebettet werden die Toten in einen Sammelfriedhof bei dem kleinen Ort Rossoschka in der Nähe des ehemaligen Kesselflugplatzes Gumrak, der am 15. Mai 1999 eingeweiht wurde. Eine ebenso schlichte wie beeindruckende Anlage ist hier entstanden, die sich harmonisch in die melancholisch weite Steppenlandschaft einfügt, ein gewaltiges, kreisrundes Grabfeld mit 150 Metern Durchmesser, das von einer bis zu 3,5 Meter hohen Mauer aus rötlichem Granit eingefasst wird. Auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein russischer Soldatenfriedhof, von dem aus man in ein paar Schritten zu seinem deutschen Pendant gelangt. Anders als auf den deutschen Soldatenfriedhöfen im Westen wird es in Rossoschka keine namentlich gekennzeichneten Grabkreuze geben - teils deshalb, weil ein Großteil der hier Begrabenen nicht mehr identifiziert werden kann, teils aus Rücksicht auf die Russen, auf deren Friedhöfen es nur ganz wenige mit Namen versehene Gräber gibt.

Dafür, dass die Namen der Toten nicht vergessen werden, sorgen große Bronzetafeln, die an der Ringmauer des Gräberfeldes angebracht werden. Auf diesen werden später einmal nicht nur die Namen der bisher geborgenen Gefallenenen, sondern auch die der Vermissten zu lesen sein, die nicht mehr aus Stalingrad zurückgekommen sind - ein gigantisches Relief von Einzelschicksalen, das sich um die ganze 470 Meter lange Mauer herumziehen wird.

Die Namen der identifizierten Gefallenen können in den Friedhofsbüchern nachgelesen werden, die in einem Informationszentrum des Volksbundes im nahen Ort Rossoschka ausgelegt sind. Unter ihnen werden eines Tages auch die Toten von Zaza sein.

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© Thomas A. Merk 2002

Maria Iwanowna und Ehemann in Zaza
Überreste eines Soldaten

Ein Grab im Gemüsegarten
Überreste eines Soldaten
Überreste eines Soldaten
Ein Grab im Gemüsegarten
Friedhof

Rossoschka

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Rossoschka

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Rossoschka


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