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Im rumänischen Siebenbürgen, erst jüngst aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf erwacht, warten deutsche Soldatengräber aus zwei Weltkriegen auf ihre Wiederherstellung.
Zu Gräbern sagt man den Einwohnern Transsylvaniens schon seit langem ein besonderes Verhältnis nach - schließlich soll hier, in diesem Landstrich hinter den Karpaten, der berühmteste Untote der Weltliteratur heimisch gewesen sein.
Lassen Sie mich bloß mit diesem Dracula in Frieden, wehrt der gebürtige Transsylvanier Erwin Hellmann ab und schüttelt entrüstet den schlohweißen Kopf. Bei dem 66-jährigen pensionierten Ingenieur hat der adelige Blutsauger, der vielen als ein Synonym für seine Heimat gilt, keine guten Karten. Allein schon der Gedanke, dass unweit seiner Heimatstadt Buzau, wenn es nach dem rumänischen Tourismusminister Matei Dan geht, demnächst vielleicht ein gigantischer Dracula-Freizeitpark entstehen soll, treibt Hellmann die Zornesröte ins Gesicht. Diesen Vampirkitsch haben wir nun wirklich nicht nötig.
Dass es den historischen Dracula gegeben hat, steht zwar auch für Hellmann außer Zweifel, aber der im 15. Jahrhundert regierende Fürst Vlad III. Tepes, vom Kaiser wegen seiner Siege gegen die Türken zum Dracul, zum Drachenritter geschlagen, habe erstens kein Blut gesaugt und sei zweitens gar kein Transsylvanier, sondern Walache gewesen.
Hellmann muss es wissen, denn schließlich gehört er als Siebenbürger Sachse zu einer der ältesten Bevölkerungsgruppen in Transsylvanien, das auch Siebenbürgen genannt wird.
Sachsen, die gar keine sind
Schon im 10. Jahrhundert hatten die damals ungarischen Landesherren deutsche Bauern und Handwerker aus dem Gebiet der Mosel zum Grenzschutz gegen die Türken in Transsylvanien, dem Land hinter dem Wald angesiedelt. In ihren durch wehrhafte Kirchenburgen geschützten Dörfern und Städten wie Hermannstadt (heute Sibiu) und Kronstadt (heute Brasov) entwickelten die tüchtigen Immigranten, die übrigens von der Mosel kamen und nicht aus Sachsen, im Lauf der Jahrhunderte ein wirtschaftlich ausgesprochen erfolgreiches Gemeinwesen. Zählten die Siebenbürger Sachsen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg noch 250.000 Seelen, so gehört Erwin Hellmann heute einer aussterbenden Spezies an. Nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur suchten weit über 100.000 Angehörige der durch Flucht und Vertreibung ohnehin dezimierten Volksgruppe ihr Glück im vermeintlichen Wohlstandsparadies Deutschland. Verdenken kann man es ihnen nicht, angesichts der unsicheren Zukunftsaussichten im wirtschaftlich dem Rest Europas immer noch hinterher hinkenden Rumänien mit seiner hohen Arbeitslosigkeit und einer galoppierenden Inflation.
Ein Paradies für Bären und Skifahrer
Inzwischen ist der Auswandererstrom nicht zuletzt wegen restriktiver deutscher Einwanderungsbestimmungen weitgehend zum Erliegen gekommen. Und dass es inzwischen aber auch im Lande wieder Hoffnungsschimmer gibt, führt Erwin Hellmann auf einem Bummel durch Brasov vor, das mit 354.000 Einwohnern die größte Stadt Siebenbürgens ist. Landschaftlich bezaubernd gelegen am Rand der wilden Karpaten, aus deren dicht bewaldeten Tälern schon mal der eine oder andere Braunbär zum Naschen an die Mülltonnen der Vororte kommen soll, ist das ehemalige Kronstadt nicht nur ein idealer Ausgangsort für Wintersportler mit einem Faible für nicht überlaufene Pisten und Loipen, sondern auch ein städtebauliches Kleinod.
So glänzt Brasov mit alten Mauern und Toren, einem weitläufigen Marktplatz nebst wuchtigem, 500 Jahre alten Rathaus und behäbigen Barockbauten aus der Habsburgerzeit, die einen bisweilen wähnen lassen, sich in einem Roman von Joseph Roth zu bewegen. Das Ganze ist liebevoll hergerichtet und zumindest in der Innenstadt vor den architektonischen Segnungen des Sozialismus weitgehend verschont geblieben.
Brauchen wir wirklich noch ein Dracula-Land, um den Tourismus anzukurbeln?, fragt der gebürtige Kronstädter Hellman, während er einem die lebendige Fußgängerzone seiner Stadt zeigt, in deren Straßencafés unter der warmen Herbstsonne durchaus so etwas wie südländisches Flair aufkommt. Hellmanns ganzer Stolz freilich ist die vorbildlich restaurierte, in ihren Grundmauern auf das Jahr 1385 zurückgehende Schwarzen Kirche im Herzen der Stadt. Hier, im größten evangelischen Gotteshaus Südosteuropas, gehört Hellmann seit Jahren zum Kirchenvorstand, wo er sich engagiert um die Kinder- und Altenfürsorge kümmert.
Daneben hat der quirlige Pensionist noch ein weiteres Amt übernommen, das ihn sehr am Herzen liegt und das ihn, Dracula hin oder her immer wieder mit Gräbern und Toten zusammenbringt, ebenso wie mit der jüngeren deutsch-rumänischen Geschichte.
Das ist hier ein Vielvölker-Friedhof
Mehrmals im Jahr bereist Erwin Hellmann im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ganz Rumänien, um auf den Gräbern deutscher Soldaten nach dem Rechten zu sehen. Rund 100.000 Tote aus den beiden Weltkriegen liegen hier auf zwei Dutzend Soldatenfriedhöfen sowie auf den Gottesäckern von Städten und Dörfern.
Auch in Kronstadt gibt es einen größeren deutschen Soldatenfriedhof, auf dem neben 152 später zugebetteten Toten aus dem Jahr 1944 knapp tausend Gefallene des Ersten Weltkriegs liegen. Gestorben sind sie die meisten von ihnen Anfang Oktober 1916 bei den nur drei Tage dauernden, dafür aber um so blutigeren Kämpfen bei der Wiedereroberung von Kronstadt (siehe Kasten).
Das hier ein Vielvölker-Friedhof, erklärt Hellmann und deutet auf die vielen unterschiedlich geformten Grabsteine. An der Form der Kreuze kann man recht gut die Nationalitäten erkennen ein lateinisches Kreuz bezeichnet die Gräber österreichisch-ungarischer, ein eisernes Kreuz die deutscher Toter, von denen gut die Hälfte Bayern sind. Aus diesem Grund war der Friedhof bis zum Zweiten Weltkrieg auch einer von zahlreichen Bayernfriedhöfen, für die der Landesverband Bayern im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Patenschaft übernommen hatte. Erst in der Nachkriegszeit wurde die Grabpflege bei der Bundesgeschäftsstelle des Volksbunds in Kassel zentral organisiert.
Bröckelnde Betonkreuze
Trotz des sauberen und gepflegten Eindrucks, den das sanft ansteigende Gelände im Schatten alter Linden macht, sind die Zeichen des Verfalls nicht zu übersehen: Grabkreuze aus Beton zerbröckeln zusehend und geben ihr Innenleben aus Armierungsdraht preis, während vor gut 80 Jahren angebrachte Inschriften inzwischen so verwittert sind, dass man sie kaum entziffern kann.
Gerd Krause, der Geschäftsführer des Landesverbandes Bayern im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, kennt diese Probleme, aber er erklärt auch, dass daran zur Zeit nur wenig zu ändern ist. Der Volksbund, der in der Hauptsache auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen ist, kann momentan nur wenig Geld für die Erhaltung der Gräber in Rumänien ausgeben, weil die vielfältigen Aufgaben auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion fast alle finanziellen und personellen Ressourcen aufbrauchen. Dort nämlich gestaltet sich die Umbettung der Toten des Zweiten Weltkriegs zunehmend zu einem Wettlauf mit der Zeit, weil gut organisierte, mit Metalldetektoren ausgerüstete Grabräuberbanden auf den ehemaligen Schlachtfeldern systematisch die Erkennungsmarken toter Soldaten aus dem Boden holen und ihre Träger damit für immer unidentifizierbar machen. Länder wie Rumänien, in denen die meisten Toten auf gesicherten Friedhöfen liegen, müssen angesichts solch akuten Handlungsbedarfs eben für ein paar Jahre ins zweite Glied treten.
Jugendlager nach der Wende
Immerhin war der Volksbund, so Krause, in den Jahren nach der Wende in Rumänien nicht untätig. So wurde der Friedhof Pro Patria in Bukarest mit den Gräbern deutscher, österreichisch-ungarischer, bulgarischer und türkischer Soldaten ebenso hergerichtet wie die 1996 eingeweihte große Gräberstätte in Jasi im Nordosten des Landes, wo 1800 Tote des Ersten und 3620 Tote des Zweiten Weltkriegs liegen. Zwei Jahre zuvor schon hat man ein seit 1917 bestehenden Friedhof in Focsani modernisiert und erweitert, auf dem 2800 deutsche Gefallene des Zweiten sowie 1500 Tote des Ersten Weltkriegs, darunter viele Soldaten der 19. bayerischen Infanteriedivision, eine würdige Ruhestätte gefunden haben.
Seit mit der Wahl der bürgerlich-liberalen Regierung Constantinescu 1996 das politische Tauwetter in Rumänien erst richtig eingesetzt hat, veranstaltet der Volksbund auch regelmäßig Jugendlager auf rumänischen Soldatenfriedhöfen, bei denen deutsche und rumänische Jugendliche einfache Pflegearbeiten an den Gräbern ausführen. Das kostet nicht viel und dient zudem der Völkerverständigung.
Versöhnung über den Gräbern
Wenn es um anstrengendere Tätigkeiten geht, sind allerdings eher Freiwillige aus der Bundeswehr gefragt, die zwei Wochen ihres Urlaubs für die Plackerei auf den Soldatenfriedhöfen opfern. So auch im Spätsommer 2001 zwanzig Mann des in Jever stationierten Jagdbomber-Geschwaders 38 Friesland, die wir auf dem Friedhof von Buzau, 50 Kilometer nördlich von Bukarest antreffen. Zum zweiten Mal sind die Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten nun schon hier und schwärmen von der freundschaftlichen Aufnahme durch die Rumänen, die ihnen schon mal Kekse oder Wein auf die Baustelle bringen. Zusammen mit rumänischen Soldaten schleppen die Bundeswehrler zentnerschwere alte Grabsteine quer durch den Friedhof, um sie in neu gegossene Betonsockel zu stellen und mittels Holzkeilen sorgfältig in Reih und Glied auszurichten. Danach wird frisch gesiebte Erde zwischen den Gräbern verteilt, auf der im nächsten Sommer, wenn die Soldaten wieder kommen, hoffentlich junges Gras gewachsen ist. Dieses Jahr aber wird erst einmal gemeinsam eine Eiche gepflanzt, als Symbol der Freundschaft und des Friedens.
Es ist nicht wichtig, wie viele Gräberfelder man in einem Jahr schafft, sagt Major Hans-Jürgen Bindernagel, der das deutsche Kontingent befehligt, sondern dass man mit den rumänischen Kameraden ins Gespräch kommt, Wein miteinander trinkt und füreinander Verständnis entwickelt.
Besser kann man die Versöhnung über den Gräbern, die seit 50 Jahren das Motto des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist, wohl kaum in die Tat umsetzen.
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