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Vielleicht liegt es am Wüstenstaub, den ein leichter Abendwind über den englischen Soldatenfriedhof bei El Alamein weht, dass die beiden alten Herren Tränen in den Augen haben, vielleicht an der untergehenden Sonne, die den langen Reihen weißer Grabsteine orangegoldene Lichter aufsetzt. Vielleicht aber ist es auch die Rührung, die sie sechzig Jahre nach der blutigen Schlacht übermannt, an der sie hier fast auf den Tag genau vor 60 Jahren, wenn auch auf verschiedenen Seiten, teilgenommen haben.
"Ich habe immer daran geglaubt, dass wir eines Tages zusammen hier stehen werden - als Freunde", sagt der 80-jährige Rudolf Schneider aus Riesa bei Dresden, der Obergefreiter in Feldmarschall Rommels persönlicher Kampfstaffel war, in die Mikrofone englischer und neuseeländischer Fernsehteams. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen schüttelt er seinem ehemaligen Gegner, dem sechs Jahre älteren Engländer Bud Ryder, die Hand.
Verehrung für den Wüstenfuchs
"The desert war was a clean war" - der Wüstenkrieg war ein sauberer Krieg - , erklärt Ryder, vor sechzig Jahren Troop Sergeant bei der Warwickshire Yeomanry, und meint damit die Fairness, mit der hier in Nordafrika gekämpft wurde, während anderswo längst ein gnadenloser Vernichtungskrieg eingesetzt hatte. Hier waren Gefechtspausen zur Bergung von Verwundeten an der Tagesordnung, wurden Gefangene anständig behandelt.
"Wir haben uns nichts geschenkt, aber wir hatten Achtung voreinander", erinnert sich Ryder. Noch heute schwärmt er, wie viele andere britische Veteranen auch, von der Kühnheit und dem Erfindungsreichtum des deutschen Feldmarschalls Erwin Rommel, der durch geschickte Täuschungsmanöver die geringe Stärke seines Afrikakorps verschleierte und mit blitzschnellen, weit ausgreifenden Vorstößen hinter die feindlichen Linien enorme Geländegewinne erzielte. (siehe Kasten)
Für die Rommel unterstellten deutschen und italienischen Soldaten freilich bedeutete diese Art der Kriegsführung enorme Strapazen: Oft tagelang ohne Schlaf, litten sie unter der Gluthitze der afrikanischen Sonne ebenso wie unter eiskalten Wüstennächten, Sandstürmen und Fliegenplagen. Besonders auf dem raschen Vormarsch gab es wegen stets schlechten Nachschublage meist nur wenig zu essen, und der Durst war für die Landser oft ein schlimmerer Feind als die Engländer. Jede Tonne Nahrungsmittel, jedes Ersatzteil und jeder Liter Treibstoff mussten durch das von der englischen Marine beherrschte Mittelmeer in libysche Häfen und von dort aus über schlecht ausgebaute Sandpisten an die Wüstenfront gebracht werden.
"Für wen? Für was?"
"Manchmal haben wir monatelang nur Kommissbrot bekommen", erinnert sich der 82-jährige Rolf Munninger, der damals Unteroffizier in Rommels Stab war. "Dazu gab es etwas trockenen Truppenkäse und italienisches Dosenfleisch, das so zäh war, dass wir es 'Alter Mann' nannten. Ein kleiner Kanister mit Wasser musste für eine ganze Woche zum Trinken und Waschen reichen." Noch heute quält Munninger, der bereits beim Vormarsch nach El Alamein wusste, dass der Krieg verloren war, die Sinnlosigkeit der Verluste, die der Wüstenkrieg unter seinen Kameraden forderte. "Es sind so viele junge Leute geopfert worden. Für wen? Für was?"
Wie Rudolf Schneider nimmt auch Rolf Munninger an der Zeremonie auf dem britischen Solatenfriedhof teil, mit der einen Tag vor der offiziellen internationalen Gedenkfeier Briten, Australier, Neuseeländer und andere Nationen des ehemaligen britischen Empire ihrer Gefallenen in Nordafrika gedenken. 7367 von ihnen liegen hier in Einzelgräbern, während an den Wänden im Eingangsbereich die Namen von 11.945 Vermissten und Gefallenen festgehalten sind, die nicht mehr geborgen werden konnten.
Als die klagenden Klänge eines Dudelsacks der Scots Guards über das Gräberfeld ziehen, verneigen sich der Herzog von Kent als Vertreter des britischen Königshauses, die neuseeländische Premierministerin Helen Clark und der australische Generalgouverneur Peter Hollingworth vor den Toten.
"Davon könnten sich unsere Politiker eine Scheibe abschneiden", bemerkt ein anderer deutscher Veteran, dem wie vielen seiner ehemaligen Kameraden sauer aufstößt, dass Deutschland bei den Feierlichkeiten offiziell nur durch den Botschafter und paar Bundeswehroffiziere vertreten ist.
"Bei unseren früheren Feinden gelten wir mehr als bei unseren eigenen Politkern", fügt er bitter hinzu. "Aber was soll's, schließlich haben wir ja den Krieg verloren, da müssen wir wohl bis heute in Sack und Asche gehen."
Operettenhaftes Militärspektakel
Von Sack und Asche ist bei den anderen Verlierern der Schlacht von El Alamein, den Italienern, nun wahrlich nichts zu bemerken. Im Gegenteil, für die auf dem italienischen Soldatenfriedhof stattfindende internationalen Gedenkfeier am 20. Oktober haben sie ein buntes Militärspektakel inszeniert, bei dem es vor Paradeuniformen und säbeltragenden Offizieren mit breiten Streifen an den Hosen nur so wimmelt. Unter glühender Sonne stehen Ehrenkompanien von Heer, Marine und Luftwaffe stramm, während ein Fanfarenzug der Bersaglieri die internationalen Gäste mit schmissigen Märschen bei Laune hält.
Mit Orden behängte Veteranen, die auf ihre Gehstöcke gestützt die lange Auffahrt zum Ehrenmal hinaufkeuchen, trauen ihren Augen kaum, als sie mitten in diesem bunten Militärzirkus auch die Uniformen des ehemaligen deutschen Afrikakorps entdecken. Die anfängliche Verblüffung klärt sich indes rasch: Die Khakihemden und Tropenhelme sind nichts weiter als die mehr oder weniger originalgetreuen Kostüme eines italienischen Vereins, der sich der Erhaltung historischer Militärfahrzeuge verschrieben hat. Vor ihren Kübelwagen, Motorradgespannen und Panzern, von der italienischen Marine kostenlos übers Mittelmeer geschippert, salutieren die seltsamen Pseudosoldaten dem italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi, der auf dem Weg zur Gedenkfeier im offenen Jeep an ihnen vorbei fährt.
Kränze für die Toten
In seiner Rede spricht Ciampi vor 1500 Zuhörern von seinen eigenen Erlebnissen als Soldat und erntet viel Zustimmung, als er sagt: "Wir, die Heimkehrer aus den Schlachten des Zweiten Weltkriegs, ob in El Alamein oder anderswo, schworen uns feierlich, nie wieder gegeneinander in den Krieg zu ziehen". Bei der Schweigeminute zu Ehren der Gefallenen schließlich donnern mit martialischem Getöse neun Jets der Kunstflugstaffel Frecce Tricolori über den Friedhof und zeichnen mit Rauch die italienischen Nationalfarben in den Himmel.
Im Gegensatz zu all dem bunten Trubel ist der 5 Kilometer entfernt gelegene deutsche Soldatenfriedhof geradezu eine Oase der Ruhe. Das an ein Wüstenfort erinnernde Ehrenmal aus rötlich-gelbem Sandstein, vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1958 errichtet, ist im Gegensatz zu anderen Friedhöfen des Volksbundes als Gruftanlage ausgeführt - die Pflege von Einzelgräbern wäre unter den klimatischen Bedingungen der Wüste viel zu aufwändig.
In den schattigen Arkaden des nach oben offenen Innenhofs gedachten rings um den 11,5 Meter hohen Obelisk bei einer bescheidenen Feierstunde der deutsche und österreichische Botschafter, Bundeswehrsoldaten und Vertreter des Volksbundes zusammen mit Veteranen und Angehörigen ehemaliger Afrikakämpfer der 22.000 Toten und Vermissten des Afrikakorps, von denen 4313 in den sieben Grüften des achteckigen Rundbaus bestattet liegen.
"Als wir nach Afrika kamen, war meine Einheit 400 Mann stark", erzählt Rudolf Schneider, der hier einen Kranz für seine gefallenen Kameraden niedergelegt hat, sichtlich bewegt. "Ganze sechzehn sind 1943 in Tunesien in Gefangenschaft gegangen. Die meisten von den anderen liegen hier."
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