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"Heute ist kein guter Tag zum Ausbetten", sagt Norbert Spies, 54, und deutet hinauf zum düster-grauen Himmel, aus dem ein nieselig-kalter Herbstregen niedergeht. Spies ist Umbetter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und steht in einem mehrere Quadratmeter großen und einen Meter tiefen Erdloch, in dem sich langsam das Regenwasser zu sammeln beginnt.
Das abgelegene, mit wildem Gestrüpp und Unkraut bewachsene Gelände, auf dem Spies und seine Leute vor ein paar Stunden ihre Arbeit aufgenommen haben, liegt neben einem noch nicht abgeernteten Maisfeld am Rand des kleinen niederschlesischen 800-Seelendorfes Uciechow, 45 km südlichwestlich von Breslau.
Ein paar umgestürzte, bis zur Unleserlichkeit verwitterte und von Schlingpflanzen überwucherte Grabsteine zeugen noch davon, dass hier vor 60 Jahren einmal ein liebevoll gepflegter Dorffriedhof gewesen sein muss.
"Das sind die Gräber deutscher Familien, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von hier vertrieben wurden", erklärt Spies. In dem von den deutschen Bewohnern geräumten Dorf, das damals noch Bertholdsdorf hieß, waren nach 1945 ihrerseits von den Russen aus Ostpolen zwangsumgesiedelte Polen heimisch gemacht worden. Und weil die allesamt Katholiken waren, ist der Friedhof der ehemals protestantischen deutschen Dorfbewohner langsam in Vergessenheit geraten.
Aber es sind nicht diese stummen Zeugen für Flucht und Vertreibung, nach denen der Umbettungstrupp des Volksbundes an diesem regnerischen Tag im Frühherbst auf der Suche ist.
Es war ein Hinweis aus der Bevölkerung, der ihn auf den aufgelassenen Dorffriedhof aufmerksam gemacht hat, erzählt Spies. Alte Leute in der Gemeinde haben sich daran erinnert, dass im Februar 1945, als rings um Breslau blutige Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee tobten, deutsche Soldaten hier in aller Eile gefallene Kameraden beigesetzt haben.
"So etwas passiert sehr häufig", erklärt Spies. "Die Alten erinnern sich wieder an Geschehnisse, die sie in ihrer Jugend miterlebt haben und führen uns mit erstaunlicher Genauigkeit an die Stelle, an der wir graben müssen."
Auch hier in Uciechow war es so. Sobald Spies wusste, wo er suchen musste, hatte er durch Sondierung rasch die genaue Lage der alten Soldatengräber ausfindig gemacht und einen Bagger angemietet, der vorsichtig die obersten Bodenschichten entfernt hat. Jetzt, wo das Loch etwa einen Meter tief ist, beginnt die Arbeit von Matti Milak und seinen beiden Helfern.
Der 35-jährige Pole ist eigentlich Leiter eines medizinischen Labors und hat vor einigen Jahren als Nebenberuf eine Firma zur Bergung gefallener Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut, die ausschließlich im Auftrag des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge tätig ist. Milak ist von dieser Aufgabe ebenso fasziniert wie von der jüngeren deutsch-polnischen Geschichte, in der es so unsagbar viel Leid, aber in letzter Zeit auch eine - wie Milak meint - ehrliche und dauerhafte Versöhnung gegeben hat.
"Vielleicht kommt diese Faszination daher, dass mein Vater in Deutschland geboren ist", erzählt Milak, der schon als Junge in den Wäldern seiner Heimat nach Fundstücken aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht hat.
Jetzt kauert er in petrolfarbenen Anorak und Arbeitshandschuhen, eine Grabhacke in der Hand, am Boden der frisch ausgehobenen Grube und lockert vorsichtig Brocken für Brocken die schwere, dicht zusammengepresste Lehmerde. Neben ihm gräbt sein Mitarbeiter Sylvester Kolassa, während Seweryn Grygielski, der dritte im Bunde, ein anderes Stück der Grube mit einem Metalldetektor absucht.
Es ist Milak selbst, der den ersten Hinweis darauf findet, dass hier tatsächlich Gefallene begraben liegen. Es ist ein bis zur Unkenntlichkeit verrottetes, feucht zerfaserndes Stück Filzstoff, das er mit einem stolzen Lächeln auf den Lippen in die Höhe hält.
"Winteruniform", sagt er. "Wehrmacht." Der Aufwand hat sich gelohnt.
Sorgfältig darum bemüht, auch den kleinsten Gegenstand zu finden, graben Milak und seine Mitarbeiter nun nach und nach das wenige aus, was von einem gefallenen Soldaten nach 60 Jahren unter der Erde noch übrig ist: Ein paar Uniformknöpfe, Fetzen einer Zeltbahn, lehmverkrustete Teile einer Gasmaske. Und Knochen, braun verfärbt und daher kaum vom sie umgebenden Erdreich zu unterscheiden: Fußknöchel, Oberschenkel, Elle und Speiche, ein Unterkiefer und schließlich die Trümmer eines Schädeldachs.
"Das war der Erdboden", erklärt Hartmut Spies, während Milak und seine Männer unten im Loch weiterarbeiten. "In schwerem Lehm wie diesen wird der Schädel irgendwann einmal eingedrückt."
Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass das bräunliche Häufchen Gebeine und Ausrüstungsreste, das sich langsam in einer Wanne aus grauem Plastik zusammenfindet, einmal ein Mensch gewesen ist - ein junger Mensch vermutlich, der in einem grauenvollen Krieg einen sinnlosen Tod sterben musste.
Es dauert eine Weile, bis Seweryn Grygielski den Gegenstand findet, der diesem Menschen möglicherweise seinen Namen zurückgeben kann: Ein unscheinbares, halbmondförmiges Stück Metall, von dem Milak ganz vorsichtig mit einem Messer den weißlichen Belag herunterkratzt.
Es ist die Erkennungsmarke des Toten, auf der nur mit Mühe eine Reihe von Zahlen und Buchstaben zu erkennen ist: "5371, 2. Schtz.E.B. ..." Der Rest der Bezeichnung fehlt, weil Bodensäuren im Lauf von sechs Jahrzehnten ein großes Stück des minderwertigen Aluminiums aus deutscher Kriegsproduktion weggefressen haben.
Dessen ungeachtet ist Norbert Spies zuversichtlich, dass es trotz der unvollständigen Angaben möglich sein wird, den Toten zu identifizieren. Die Daten werden vom Volksbund an die Deutsche Dienststelle in Berlin weitergegeben, wo die Stammrollen sämtlicher Soldaten der ehemaligen Wehrmacht aufbewahrt werden.
"Wenn wir eine leserliche Erkennungsmarke finden, kann man dem Toten mit großer Wahrscheinlichkeit einen Namen zuordnen", sagt Spies. "Aber nur, wenn die Marke sich noch bei den Gebeinen befindet."
Erkennungsmarken, wie sie immer wieder in Staaten des ehemaligen Ostblocks unter der Hand oder auf Flohmärkten zum Verkauf angeboten werden, sind hingegen für eine Identifizierung wertlos. "Jede dieser Marken, die von Grabräubern und Geschäftemachern leider viel zu häufig an gutgläubige Touristen verkauft werden, bedeutet ein Schicksal, das nie mehr geklärt werden kann", erklärt Spies.
An die 1500 tote deutsche Soldaten holen Spies und Milak pro Jahr aus vergessenen Grablagen in Ober- und Niederschlesien - "und das in einem Gebiet, von dem es hieß, es gäbe hier keine Toten mehr", sagt Spies nicht ohne Stolz. In kleinen Pappsärgen werden sie - meistens im Frühherbst - auf einer der vom Volksbund neu angelegten Kriegsgräberstätten beigesetzt.
Ein Interesse, diese Toten zu identifizieren, gibt es auch heute noch, 60 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs. Über 50.000 Anfragen von Angehörigen, zunehmend aus der Enkelgeneration, erhält der Volksbund im Jahr, davon viele aus Bayern, von denen dank der Arbeit des Umbettungsdienstes immer mehr positiv beantwortet werden können.
Man schätzt, dass 468.000 deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg in Polen gefallen sind, die meisten von ihnen im Winter 1944/45 bei den erbitterten Abwehrkämpfen gegen die Rote Armee. Viele dieser Toten liegen noch heute in verstreuten, oft vergessenen Grablagen und Einzelgräbern.
Aufgrund der Kriegsereignisse, unter denen Polen schlimmer zu leiden hatte als viele andere Länder, war nach dem 2. Weltkrieg lange Zeit nicht an eine ordnungsgemäße Pflege der dortigen deutschen Kriegsgräber zu denken.
Der Überfall der Wehrmacht im September 1939, die mit besonderer Grausamkeit niedergeschlagenen Aufstände des Warschauer Ghettos im April 1943 und der polnischen Heimatarmee im August 1944, fünfeinhalb Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und die Tatsache, dass die Nazis ihre schlimmsten Vernichtungslager auf polnischem Boden errichteten, haben sie tiefe Wunden hinterlassen, die lange nicht heilen wollten.
In Folge der neuen deutschen Ostpolitik unter Willy Brandt, dessen Kniefall am Mahnmahl im Warschauer Ghetto in Polen noch heute unvergessen ist, kam es zu einer Wende in den deutsch-polnischen Beziehungen, aber es sollte noch bis 1991 dauern, bevor der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im "Vertrag über gute Nachbarschaft" auch eine rechtliche Basis für seine Arbeit in der Republik Polen bekam.
Seitdem ist die Zusammenarbeit zwischen dem Volksbund und den polnischen Behörden gut bis hervorragend, wie Hartmut Mehnert, der Leiter des Umbettungsdienstes in Polen, gerne bestätigt. Dreizehn große Sammelfriedhöfe - alle aus Spendenmitteln finanziert - hat der Volksbund inzwischen in Polen anlegen können. Später einmal soll ein Großteil der während des 2. Weltkriegs in Polen gefallenen deutschen Soldaten auf ihnen seine letzte Ruhe finden.
Auch die Toten, die Norbert Spies und Matti Milak noch in Uchiechow bergen werden, werden auf einem dieser Friedhöfe beigesetzt werden. Er heißt Nadolice Wielkie (Groß-Nädlitz), liegt 15 km östlich von Breslau, und wird, wenn er einmal fertig ist, einen Großteil der in Niederschlesien gefallenen 18.000 Toten beherbergen.
Heute liegen schon etwas mehr als 12.000 Gefallene unter den weiten, gepflegten Rasenflächen, die von einem "Friedenspark" mit 611, von deutschen und polnischen Privatleuten gestifteten Laubbäumen eingerahmt werden.
Wie auf den meisten deutschen Soldatenfriedhöfen im ehemaligen Ostblock fehlen auch hier die namentlich gekennzeichneten Kreuze, anhand derer man anderswo den Ruheort jedes einzelnen Gefallenen sofort finden kann. Weil hier so viele Unbekannte beigesetzt werden, hat man von dieser Art der Grabkennzeichnung Abstand genommen und die Namen der identifizierten Gefallenen auf großen Stelen am Rand der Gräberfelder verewigt. Ist ein Gefallener aber bekannt, so kann der Friedhofswärter die Angehörigen anhand des Einbettungsplanes auf den Zentimeter genau zu seinem Grab führen.
Im Mai 2000 arbeiteten in Nadolice Wielkie zum ersten Mal deutsche und polnische Soldaten gemeinsam auf einem deutschen Soldatenfriedhof - eine Aktion, die inzwischen regelmäßig stattfindet und zusammen mit multinationalen Jugendlagern zur Pflege der Gräberstätten einen Beitrag zur Versöhnung zwischen den beiden Völkern leistet.
"Das Schicksal lässt uns heute allen die Hände reichen", sagte der stellvertretende Woiwode von Breslau, Marek Maciejak, 1998 anlässlich der Einweihung des zum Friedhof gehörenden Friedensparks. "Es gibt uns eine neue Chance zur Gestaltung der Welt, in der wir leben.
Der Soldat, der als erster in Uciechow ausgebettet wurde, konnte in der Zwischenzeit übrigens identifiziert wurden. Er hieß Alois Decker, war Obergefreiter in der 3. Kompanie des Panzergrenadierregiments 112 und starb am 26. Februar 1945 in Bertholdsdorf. Er wurde nicht einmal dreiundzwanzig Jahre alt.
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