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Baltikum, 2006

"Zeugen düsterer Vergangenheit"

Eine Reportage von Thomas A. Merk

Das Fort Nummer neun des ehemaligen Befestigungsgürtels rings um die litauische Stadt Kaunas ist für Ortsunkundige nicht leicht zu finden. Vor 95 Jahren als Teil einer russischen Grenzbefestigung gegen das Deutsche Reich erbaut, versteckt sich die weitläufige Anlage heute am Rand einer trist-grauen Vorstadt mit schäbig gewordenen Plattenbauten und lärmenden Ausfallstraßen, die nicht so recht zu der fast heiteren Ausstrahlung des farbenfroh renovierten, von schmucken Barockgebäuden geprägten Zentrums der zweitgrößten Stadt Litauens zu passen scheint.

Richtig beklemmend wird die Atmosphäre aber erst, wenn der Besucher die dunklen Kasematten unter meterdicken Betondecken betritt, die nach dem ersten Weltkrieg zu einem Gefängnis für Schwerkriminelle umgebaut wurden. Wie viel menschliches Leid dieses düstere Gemäuer gesehen hat, das von 1941 bis 1944 während der deutschen Besatzungszeit und später während der stalinistischen Gewaltherrschaft als Konzentrationslager und Gefängnis für politisch Andersdenkende gedient hat, man heute beim Anblick der stets feuchten Wände ihrer Zellen, in die todgeweihte Gefangene verzweifelt Inschriften geritzt haben, nur noch andeutungsweise erahnen.

Weit über 50.000 Menschen sollen hier allein während der Herrschaft der Nationalsozialisten den Tod gefunden haben, erzählt die junge Führerin, die außer lärmenden Schulklassen hin und wieder auch mal eine deutsche Gruppe durch die modrig riechenden Verließe, Gänge und Zellen führt, die nach der Wiedererlangung litauischer Souveränität im Jahr 1990 im zu einer nationalen Gedenkstätte erklärt wurden. Unter diesen Toten waren 30.000 Juden aus dem Ghetto von Kaunas und weitere 10.000 Juden aus Frankreich, der Tschechoslowakei und Polen sowie aus dem damaligen deutschen Reichsgebiet. Zu ihnen gehörten auch jene 1000 Münchner Juden, die von den Behörden der "Hauptstadt der Bewegung" am 20.November vom Bahnhof Milbertshofen auf eine Reise in den Tod geschickt worden waren - die erste einer langen Reihe von Deportationen, mit denen die Nationalsozialisten Deutschland "judenfrei" machen wollten.

Als die Männer, Frauen und Kinder nach zwei Tagen Fahrt in einem qualvoll überfüllten Zug in Litauen ankamen, glaubten sie noch immer daran, bald in den ihnen versprochenen "neuen Lebensraum" im Osten gebracht zu werden. Obwohl man sie eng auf eng in die hoffnungslos überbelegten Zellen von Fort IX zwängte, waren sie deshalb noch relativ zuversichtlich, bis sie zwei Tage später ein aus deutschen SS-Leuten und litauischen Kollaborateuren bestehendes "Einsatzkommando 3" am 25. November 1941 zusammen mit Glaubensgenossen aus Berlin und Frankfurt am Main hinaus auf die Erdwällen der Festung trieb und sie dort über vorher ausgehobenen Gräben mit Maschinengewehren erbarmungslos niedermähte. Es war die erste gezielte Massenexekution deutscher Juden, der noch unzählige weitere folgen sollten.

Nach ihren Gräbern sucht man heute auf dem Festungsgelände vergebens, denn als im Jahr 1943 die Rote Armee immer weiter nach Westen vorrückte und es absehbar war, dass der Krieg im Osten verloren gehen würde, ließ die SS die Toten wieder ausgraben und auf großen Scheiterhaufen verbrennen. Lediglich ein beeindruckendes, 32 Meter hohes Stahlmonument des litauischen Bildhauers A. Ambraziunas, das Schmerz, Trauer und Qualen, aber auch ewiges Gedenken symbolisieren soll, erinnert an die unzähligen Toten, deren Blut hier die Erde getränkt hat. Daneben, ein wenig abseits, findet sich, eine im Boden eingelassene Mosaiktafel, auf der die Stadt München an ihre deportierten und ermordeten Bürger erinnert.

Viel mehr als die Erinnerung blieb auch nicht von den meisten der 250.000 Juden, die vor der deutschen Besetzung im Jahr 1941 im Baltikum gelebt und die durch die fast vier Jahre dauernde Schreckensherrschaft der Nazis auf ein knappes Fünftel dezimiert wurde. Noch bevor in Auschwitz-Birkenau eine industriell geplante Tötungsmaschinerie gigantischen Ausmaßes anlief, gab es in Lettland und Litauen bereits gezielte Massenerschießungen an abgelegenen Orten, die meist von deutschen SS-Einsatzkommandos und einheimischen Helfern durchgeführt wurden.

Der Wald von Bikernieki, am nordöstlichen Stadtrand der lettischen Hauptstadt Riga gelegen, ist einer dieser Orte. Über 40.000 Menschen verschiedener Nationalitäten sind zwischen 1941 und 1944 in dem acht Hektar großen Kiefernwald erschossen worden, unter ihnen auch 25.000 Juden aus dem deutschen "Reichsgebiet".

Um diesen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Wald von Bikernieki eine würdige Gedenkstätte zu bieten, wurde im Jahr 2000 von dreizehn deutschen Städten das "Deutsche Riga-Komitees" ins Leben gerufen, zu dem auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die lettische Gräberorganisation "Brüderfriedhöfekomitee" gehören.

Unterstützt vom deutschen und lettischem Staat, einer in Wien gegründeten "Initiative Riga" sowie dem Zentralrat der Juden in Deutschland, konnte dort innerhalb eines Jahres ein vom lettischen Architekten Sergej Rizs entworfener Totenhain entstanden, der 55 Massengräber durch Naturstein-Stelen gekennzeichnete Massengräber umschließt. Auch wenn man den einzelnen Toten in diesen mit Gras bewachsenen Gruben nie mehr ihre Namen wiedergeben kann, sind 20.000 von ihnen zumindest schriftlich in 21 Bronzehülsen verewigt, die man in einen wuchtigen schwarzen Marmorblock im Zentrum der Anlage eingelassen hat.
Umgeben wird der Gedenkstein von 5000 unregelmäßig geformten, nur grob behauenen Blöcken aus ukrainischem Granit, die in ihrer unterschiedlichen Vielfalt in Formen und Farben auf eine ebenso bedrückende wie schöne Weise die Einzigartigkeit eines jeden hier ruhenden Toten symbolisieren. Zwischen diesen Blöcken der Erinnerung finden sich auf schlichten, im Boden eingelassenen Marmortafeln die Namen der deutschen Städte, die vor mehr als 60 Jahren ihre Heimat waren. Darunter sind auch einige bayrische wie beispielsweise Bayreuth, Bamberg oder Würzburg.

"Wir dürfen nie vergessen, dass hier deutsche Staatsbürger als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ums Leben kamen", sagt Gerd Krause, Geschäftsführer des Landesverbands Bayern im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Volksbund hat die Anlage von den ersten Planungen an mitgestaltet und sorgt seit ihrer Einweihung am 30. September 2001 für ihren Unterhalt.
Dafür, dass das Angedenken an die hier ermordeten Menschen auch in künftigen Generationen weiterlebt, sorgt der Volksbund durch regelmäßig abgehaltene deutsch-lettische Jugendlager, bei denen Jungen und Mädchen aus beiden Ländern gemeinsam Gedenksteine und Gräber pflegen. "Brücken der Erinnerung" nennt der Volksbund diese Aktionen, und man kann nur hoffen, dass diese Brücken sich als ebenso fest und dauerhaft erweisen mögen wie der Granit dieser beeindruckenden Gedenkstätte.


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© Thomas A. Merk 2006

 

 

 

 

 

 

 

 
   
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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