Auf Schlachtfeldern der Ersten Weltkriegs in Flandern und an der Somme
Der akkurat gemähte, teppichdichte Rasen am Hügel 145 der Vimyhöhe im nordfranzösischen Artois leuchtet so saftig grün, dass man auf den ersten Blick meinen könnte, über einen Golfplatz zu gehen. Aber dann stutzt man doch: Zu dicht gesät sind Kuhlen, Löcher und Trichter unter der gepflegten Grasnarbe, zu tief sind die Gräben, die im Zickzack die leicht gewellte Landschaft durchziehen. Nein, Hügel 145 ist weder Sportstätte noch Landschaftspark, Hügel 145 ist ehemaliges Kriegsgelände, ein konserviertes Stück Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs.
Der Erste Weltkrieg: Vor ein, zwei Generation noch rief er bei vielen Menschen vielfältige, oft traumatische Erinnerungen hervor. Heute, nach dem Wegsterben der letzen seiner Teilnehmer, entrückt er immer mehr zu einem Stück Geschichte. Wem ist heute noch auf Anhieb geläufig, dass sich vom Herbst 1914 bis zum November 1918 ein mehrere Kilometer breites Band aus Schützengräben, Artilleriestellungen und Drahtverhauen von den Alpen bis zum Ärmelkanal zog, wo Generäle aller kämpfenden Nationen ihre Truppen immer wieder aufs neue in gigantische menschenmordende Materialschlachten jagten, die - wenn überhaupt - nur unbedeutende Geländegewinne und nie den ersehnten Durchbruch brachten?
Die Vimyhöhe nördlich der damals hart umkämpften Stadt Arras ist ein Musterbeispiel für diese Art Krieg zu führen. Hier lagen sich jahrelang kanadische und englische Truppen auf der einen Seite und die deutsche 6. Armee unter dem bayrischen Kronprinzen Rupprecht in kompliziert ausgebauten und heftig umkämpften Stellungssystemen gegenüber. Vor neunzig Jahren dann, im April 1917, traten in der "Frühjahrsschlacht bei Arras" vier kanadische Regimenter gegen die von vielen Bayern verteidigte Höhenstellung an und eroberten sie unter enormen Verlusten für beide Seiten. Gewonnen war mit dieser Aktion nicht viel, die Deutschen zogen sich in bereits vorbereitete und gut ausgebaute Stellungen ein paar Kilometer weiter östlich zurück, und die Schlacht erlahmte ein paar Wochen später ohne greifbares Ergebnis - die Verluste an der Vimyhöhe, wo die Engländer und Kanadier 140.000 und die Deutschen 85.000 Mann Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen hatten, waren einfach zu hoch gewesen.
Das Wort "Verluste" umschreibt nur sehr unzulänglich das menschliche Leid in diesem ersten mit brutalen Massenvernichtungsmitteln geführten Krieg der Menschheitsgeschichte. Vier Jahre Hölle des Schützengrabens, vier Jahre in Staub und Schlamm, zwischen Ratten, Läusen und anderem Ungeziefer, vier Jahre, in denen Soldaten unter der alles zermalmenden Feuerwalze der Artillerie ums nackte Überleben kämpfen oder im erbarmungslosen Nahkampf mit Bajonetten und Messern aufeinander losgehen mussten - heute, neunzig Jahre danach, ist es schwer, sich die Strapazen und das Leid der einfachen Soldaten auf beiden Seiten zu vergegenwärtigen.
Die grünen Schützengräben auf der Vimy-Höhe helfen der Vorstellungskraft nur bedingt weiter, denn mit ihren erst nach dem Krieg aus Zement nachgebildeten Sandsäcken gleichen sie eher einer sauber angelegten Landschaftsplastik als den tausendmal von Granaten umgepflügten, nach Tod und Verwesung stinkenden und oft bis Hüfthöhe mit Wasser vollgelaufenen Stellungssystemen von vor neunzig Jahren. Immerhin aber ist sie einer der wenigen Orte im vom Ersten Weltkrieg besonders stark betroffenen Nordfrankreich, an dem man überhaupt noch etwas von den alten Schlachtfeldern sieht.
Inzwischen wachsen auf dem einstmals von Gas und Sprengstoff verseuchten Boden wieder Mais und Zuckerrüben auf den für diese Region typischen, weitläufigen Feldern. Auch auf dem Gebiet der berüchtigten Sommeschlacht ist das so. Hier, nur 50 Kilometer von der Vimyhöhe entfernt, kamen vom Juni bis November 1916 fast alle bayrischen Regimenter zum Einsatz und mussten einen grauenvollen Blutzoll bezahlen. Entlang eines nur 50 Kilometer breiten Streifens starben hier 1916 und 1917 auf beiden Seiten 267147 Menschen, womit auf jeden einzigen Meter Front unvorstellbare fünf Tote kamen.
Sieht man genauer hin, so ist die Schicht des Vergessens, die heute über den alten Kampfstätten liegt, jedoch relativ dünn: die Bauern der Gegend pflügen nach wie vor jedes Jahr tonnenweise nicht explodierte Granaten ans Tageslicht, und beim Bau der Autobahn Calais-Reims kamen über 60 vergessene Tote wieder zum Vorschein, die neun Jahrzehnte lang unentdeckt im Erdreich gelegen haben. Viel gibt die Erde freilich nach neun Jahrzehnten nicht mehr her - ein paar Knochen, einen Schädel, und wenn die auf die Bergung solcher Toter spezialisierten Umbetter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge einen Uniformknopf oder eine Feldflasche finden, anhand derer der Tote als Deutscher, Engländer oder Franzose erkannt werden kann, haben sie Glück gehabt.
Mehr über die Menschen, die sich während der Sommeschlacht auf beiden Seiten der Front gegenüberstanden, erfährt man heute in Museen wie zum Beispiel dem hervorragend gemachten "Historial de la Grande Guerre" im idyllischen Somme-Städtchen Peronne. Hier geht es weniger um das streng militärische Kampfgeschehen, vielmehr erhält der Besucher in modern präsentierten Sammlungen anhand von Ausrüstungsgegenständen und sehr anrührenden privaten Dingen einen Einblick in das tägliche Leben deutscher, britischer und französischer Soldaten. Am erhellendsten ist vielleicht eine Dauerausstellung, die auf den ersten Blick gar nichts mit dem Krieg an sich zu tun hat. In ihr werden ganz normale, zivile Alltagsgegenstände aus den Haushalten der kämpfenden Nationen einander so gegenübergestellt, dass dem Betrachter ziemlich bald klar wird, dass hier Menschen aus ein und demselben Kulturkreis gegeneinander kämpfen mussten, die ähnlich dachten und ähnlich fühlten und nur wenige Unterschiede zueinander aufwiesen.
Man verlässt das Museum in Peronne mit dem Gefühl, dass es in einem Konflikt wie dem Ersten Weltkrieg eigentlich nur Verlierer geben kann - eine Erkenntnis, die sich beim Anblick der zwischen den beiden Weltkriegen errichteten Denkmäler auf den ehemaligen Schlachtfeldern zumeist nicht so recht einstellen will. Obwohl in ihnen meist auch die Namen Tausender vermisster Soldaten eingemeißelt sind, kommen sie einem heute mit ihrem dem Denken ihrer Zeit geschuldeten Pomp eher wie monumentale Siegestempel vor, die sie in gewisser Hinsicht wohl auch sein sollten.
Das gilt für die fast ins Kitschige abdriftende kanadische Monumentalplastik auf der Vimyhöhe ebenso wie für das britische Sommeschlacht-Memorial in Thiepval mit seinen 12 mächtigen Backsteinbögen, und auf der vor neunzig Jahren hart umkämpften Lorettohöhe stehen heute noch Freiwillige einer privaten Organisation jeden Tag Ehrenwache vor einem Leuchtturm, in dessen Sockel sich neben Gebeinen aus dem Ersten Weltkrieg auch solche aus Indochina sowie Urnen mit Asche aus deutschen Konzentrationslagern befinden.
Touristisch betrachtet sind die Gedenkstätten seit Jahrzehnten ein Gewinn für die Region. Alljährlich ziehen sie Hunderttausende von Touristen aus Kanada, Frankreich, Großbritannien und Deutschland an, und in vielen französischen und britischen Schulen ist ein Besuch auf den Schlachtfeldern des Ersten und Zweiten Weltkriegs fester Bestandteil des Lehrplans, worauf die Hotels der Region bereits mit der Einrichtung spezieller Schlafsäle reagiert haben.
Der Höhepunkt dieser nostalgischen Schlachtfeldertouren ist dann meist die Teilnahme am "Last Post" im belgischen Ypern, das im Ersten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Den Eingang zur inzwischen in früherer Pracht wieder aufgebauten Altstadt markiert seit 1928 das Menentor, ein klotziges Memorial für die britischen Toten der Flandernschlachten. Allabendlich um acht wird es für den gesamten Verkehr gesperrt, und dann ziehen, umringt von Publikum aller Altersklassen, drei Trompeter einer eigens für diesen Zweck gegründeten "Last Post Association" auf und blasen - nicht immer in perfektem Gleichklang - den "Last Post" genannten englischen Zapfenstreich.
Wer mit etwas weniger militärischem Pathos des großen Sterbens im "großen Krieg" gedenken will, dem sei ein Besuch auf einem der Soldatenfriedhöfe ans Herz gelegt, von denen es in Nordfrankreich und Flandern mehr gibt als irgendwo anders auf der Welt. Wohl niemand fährt an ihren Feldern aus Kreuzen und Grabsteinen, denen man entlang der wichtigen Durchgangsstraßen immer wieder begegnet, ungerührt vorbei.
Da sind die zahlreichen und eher kleineren Friedhöfe der Engländer mit ihren strahlend weißen Grabstelen aus Sandstein, in denen neben Namen, Lebensdaten und Regimentswappen eines jeden Gefallenen auch noch ein individueller Sinnspruch eingemeißelt ist, den die Familie des Toten frei wählen konnte. Da sind die riesigen Nekropolen der Franzosen, auf denen man jedem einzelnen Gefallenen ein weißes Betonkreuz mit der Aufschrift "mort pour la france" (gestorben für Frankreich) gesetzt und dazwischen blutrote Rosen gepflanzt hat, und da sind die deutschen Friedhöfe, auf denen eher dunklere Farben vorherrschen: Schwarze Metallkreuze, Grabplatten aus dunkelgrauem Granit, schwere, massive Hochkreuze, die düster und mahnend in den Himmel ragen. Fast möchte man meinen, die unterschiedlichen Farben sollten noch auf den Friedhöfen Sieger von Verlierern scheiden, aber das Schwarz der deutschen Kreuze hat eher praktische Gründe: Als unmittelbar nach dem Ende des Krieges die Gefallenen aus den 3600 deutschen Gräberstätten auf französischem Boden in ca 200 neu angelegte Großfriedhöfe umgebettet wurden, konnte man ihnen aufgrund der knappen Kassen der Nachkriegszeit nur einfache Holzkreuze auf die Gräber stellen, die mit einer schwarzen Teerölfarbe vor Verwitterung geschützt wurden.
Später, als dann der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Frankreich tätig werden konnte, ersetzte dieser die Holzkreuze nach und nach mit schwarzen Metallkreuzen - eines für je vier tote Soldaten, deren Namen vorne und hinten auf dem linken und rechten Flügel des Kreuzes festgehalten sind. Schließlich musste der Volksbund, der 1919 als eine Intitiative aus der Bevölkerung gegründet wurde, mit den öffentlich gesammelten Spenden schon damals sparsam umgehen.
Ganz gleich, ob nun ein Kreuz für einen oder für vier Tote, auf allen Soldatenfriedhöfen in Nordfrankreich sprechen die Gräber, deren bloße Anzahl einen immer wieder überwältigt, eine deutlichere Sprache als alle Monumente, Gedenkstätten und Museen zusammengenommen. Insgesamt zählt man über 2 Millionen Tote aller Nationen auf den Friedhöfen in Nordfrankreich und Flandern: eine ganze Generation junger europäischer Männer liegt hier unter der Erde - Hunderttausende von ihnen übrigens ohne namentlich gekennzeichnetes Grab, weil ihre Überreste von den Granaten so oft gnadenlos unter die Erde gepflügt wurden, dass man sie später nicht mehr identifizieren konnte.
Auf den Soldatenfriedhöfen aller beteiligten Nationen haben sie, zusammen mit ihren namentlich bekannten Kameraden, ein ewiges Ruherecht, und vielleicht bekommt gerade durch diese Gräberstätten ihr anonymes Sterben nachträglich doch noch einen gewissen Sinn. Blättert man nämlich in den Besucherbüchern der Friedhöfe, liest man dort immer häufiger die Einträge von Nachkommen ehemaliger Feinde, die zutiefst angerührt von diesem millionenfachen Massensterben immer wieder das eine hineinschreiben: "Nie wieder Krieg".
|