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Kaukasus, 2008

"Ein deutliches Zeichen für den Frieden"

Eine Reportage von Thomas A. Merk

Die blonde Frau Mitte sechzig vor der massiven, gut zwei Meter hohen Stele aus grauem Stein hat Tränen in den Augen. “Das war mein Vater”, sagt sie und deutet auf einen der unzähligen, mit schwarzen Buchstaben in den Granit geschlagenen Namen.
Es ist ein heißer Septembertag, und die russische Spätsommersonne brennt aus einem strahlend blauen Himmel auf das von einer halbhohen Mauer umgebene Friedhofsgelände am Rand eines dichten Waldes herab. Auf dem noch nicht ganz angewachsenen, gelben Gras stehen einige wenige Bäume und hier und da eine Gruppe von jeweils drei gedrungenen Steinkreuzen. Zusammen mit ihrer Schwester Gudrun und gut dreihundert anderen deutschen Besuchern ist Inge Bleeker aus München auf den deutschen Soldatenfriedhof in Apscheronsk gekommen, als dieser am 6. September 2008 feierlich eingeweiht wurde. Apscheronsk ist ein kleiner Ort in Südrussland , zwei Autostunden von der Provinzhauptstadt Krasnodar und 1300 km von Moskau entfernt.
Hier im Waldkaukasus, dem von urwaldähnlicher Vegetation bedeckten Vorgebirge des Hochkaukasus, tobten im Herbst und Winter 1942 grauenvolle, verlustreiche Kämpfe zwischen der deutschen 1. Und 4. Gebirgsdivision und der ihr zahlen- und ausrüstungsmäßig weit überlegenen roten Armee. Die Gebirgsjäger aus Bayern und Württemberg kämpften, nur notdürftig mit Nachschub versorgt, von Anfang an auf einem aussichtslosen Posten und konnten das ihnen von der Führung gesetzte Ziel - die Eroberung der Ölquellen am Schwarzen Meer – nie erreichen. Als sie sich vor einer erdrückenden Übermacht Ende 1942 erst in den “Kuban-Brückenkopf” bei Krasnodar und ein paar Monate später auf die Krim zurückziehen mussten, ließen sie über 100.000 Gefallene zurück, von denen viele in den Wirren des Rückzugs gar nicht oder nur notdürftig bestattet werden konnten.
Als Inge Bleekers Vater am 27. November 1942 im Waldkaukasus starb, war sie zwei Jahre alt und hatte ihn nur wenige Tage gesehen, wenn er von der Front auf Urlaub nach Hause kam. Erst 1988 erhielten sie und ihre Schwester die Nachricht, dass ein russischer Suchtrupp das Grab ihres Vaters gefunden und die Erkennungsmarke daraus entfernt hatte. Damit wurden seine Gebeine, die sich noch heute in der alten, inzwischen nicht mehr auffindbaren Grablage befinden, auf immer unidentifizerbar gemacht. Zumindest aber konnte zwanzig Jahre später sein Name auf einer von 14 Stelen auf dem Friedhof von Apscheronsk festgehalten werden, zusammen mit denen von 3104 anderen Toten, die im ehemaligen Kampfgebiet des Waldkaukasus nicht mehr geborgen werden konnten.
Damit, dass auf seinen Friedhöfen in Osteuropa viele gefallene Soldaten nur noch namentlich erwähnt werden, ihre Gebeine aber für immer verloren sind, muss sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wohl abfinden. Seit dem Ende der 1980-er Jahre ist die hauptsächlich durch Spenden aus der Bevölkerung finanzierte Organisation, die sich im staatlichen Auftrag seit 1919 um Anlage, Pflege und Erhaltung deutscher Kriegsgräberstätten kümmert, in den Ländern des ehemaligen Ostblocks tätig. Über drei Millionen deutsche Soldaten, so schätzt man, sind hier im 2. Weltkrieg ums Leben gekommen, davon gut ein Drittel auf dem Gebiet der Russischen Föderation.
Die Bilanz, die der Volksbund seit 1992, dem Beginn seiner Arbeit in Russland vorlegen kann, ist beeindruckend: Über 250.000 Tote wurden hier bisher umgebettet, über 100 Soldaten-, Kriegsgefangenen- und Interniertenfriedhöfe wurden instand gesetzt oder neu angelegt, darunter auch die riesige Gräberstätte in Rossoschka bei Wolgograd, auf der gut 50.000 Tote der Schlacht um Stalingrad ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Inzwischen allerdings wird das Auffinden von Gräbern immer schwieriger. Hunderttausende von ihnen wurden in den sechs Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört, überbaut oder geplündert, und die hoch betagten Zeitzeugen, die sich noch an die alten Grablagen erinnern könnten, werden von Jahr zu Jahr weniger. Für den Umbettungsdienst des Volksbundes, von dem 20Arbeitsgruppen in Osteuropa im Einsatz sind, gerät das Auffinden von alten Grablagen damit immer mehr zu einem Wettlauf mit der Zeit.
In den Anfangsjahren hingegen hatte der Volksbund in Russland mit einer schwerfälligen Bürokratie noch ebenso zu kämpfen wie mit tief sitzenden Ressentiments in der Bevölkerung, die im Zweiten Weltkrieg gelitten hat wie kaum eine andere in Europa. Oft war es schwierig, von den örtlichen Gemeinden die Erlaubnis zum Ausbetten von Gefallenen zu erhalten oder ein geeignetes Gelände für die Anlage eines Friedhofs zugewiesen zu bekommen.
Das Eis gebrochen hat häufig der persönliche Einsatz der Mitarbeiter vor Ort, die Arbeiten an den Friedhöfen an russische Firmen vergaben und auch schon mal dafür sorgten, dass im Zuge eines Friedhofsbaus auch die alte, verfallene Kirche auf dem Gelände mit renoviert wurde. Aber auch die internationalen Jugendlager, die der Volksbund regelmäßig auf seinen Friedhöfen veranstaltet, haben im ehemaligen Ostblock ihren Teil dazu beigetragen, dass von der jungen Gereration alte Feindschaften begraben und neue Freundschaften geschlossen wurden.
Auch auf dem Friedhof in Apscheronsk arbeiteten im Sommer 2008 deutsche und russische Jugendliche miteinander auf dem Gelände, schrubbten Kreuze und Gedenksteine, bei deren Aufstellen eine gemischte Arbeitsgruppe aus Bundeswehrsoldaten und Einheiten der russischen Armee geholfen hatte. Dabei hat man sich kennen und - trotz der nur mittels Dolmetscher zu überwindenden Sprachbarriere - auch immer besser verstehen gelernt.
Etwas von diesem neuem Verständnis war deutlich spürbar, als bei der Einweihungsfeier des Friedhofs nach deutschen und russischen Würdenträgern, nach Staatsministern, Generälen und dem Volksbundpräsidenten auch zwei Vertreterinnen des internationalen Jugendlagers vor die Mikrofone traten. Die 22-jährige Katharina Quering aus München und die 18-jährige Sneschana aus dem 60 km von Apscheronsk entfernten Beloretschensk erzählten gemeinsam von ihrer Arbeit, die sie als ein “Zeichen für den Frieden” sehen, und ihrer Betroffenheit angesichts der Tatsache, dass viele der auf dem Friedhof bestatteten Toten nicht einmal ihr Alter erreichten.
Beim Anblick der beiden jungen Frauen im Volksbund-T-Shirt wurde wohl vielen der Versammelten klar, dass die “Versöhnung über den Gräbern”, seit Jahrzehnten das Motto des Volksbunds, in Russland nur dann von Dauer sein kann, wenn sie nicht nur von der Erlebnisgeneration und ihren Nachkommen, sondern auch von den heute Zwanzigjährigen gelebt und praktiziert wird. Die Einweihung des Soldatenfriedhofs in Apscheronsk hat gezeigt, dass dieses Ziel im Spätsommer 2008 ein gutes Stück näher gerückt ist.


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© Thomas A. Merk 2008

 

 

 

 

 

 

 

 
   
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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