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15 000 Motorradfahrer vom ganz harten Schlag besuchten das Elefantentreffen auf dem Salzburgring. Auch unser Mitarbeiter Thomas Merk war mit von der Partie, aber der ging leider in der Menge unter...
Vier Uhr morgens, sagen mir die fahl leuchtenden Ziffern meiner Armbanduhr. Irgendwo jagt ein hartnäckiger Gasgriffmozart seine Vierzylinderorgel im Stand durch sämtliche Höllen und Himmel, in die zwei obenliegende Nockenwelle die Ventile treiben können. Zusammen mit dem knochenharten Komfort einer tiefgekühlten Iso-Matte ist das nicht gerade angetan, einen sanft in den Schlaf zu wiegen.

Aber wozu braucht einer wie ich schon Schlaf? Nach zwei Tagen auf dem härtesten und berühmtesten aller Motorradtreffen weiß ich es genau: Ich bin ein farbloser Niemand, den keiner wahrnimmt, dem keiner auch nur einen Hauch von Beachtung schenkt. Und das zu Recht. Schließlich hat mein abgewarztes MZ-Gespann weder Tiger- noch Zebrastreifen, ja nicht einmal einen 600er Rotaxmotor oder wenigstens eine selbstgebaute Vorderradschwinge. Ich habe weder einen Seitenwagen in Form eines riesigen Turnschuhs oder eines selbstgezimmerten Sarges, noch besitze einen genial abgefederten Kurzski, den ich anstatt des Vorderrads in die Telegabel meiner Sachsen-Harley verpflanzen und dann mit dieser Chimäre aus Motorrad und Schneemobil das Fahrerlager des Salzburgrings unsicher machen könnte. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich nur eines, was mich von den anderen Teilnehmern des diesjährigen Elefantentreffens unterscheidet, aber das wünsche ich nicht einmal meinem ärgsten Feind: ich habe den Elefantentreffen-Blues.
Und während ich so in meinem mit einer pelzigen Rauhreif-Schicht beschlagenen Zelt liege und mir einen kleinen Eiszapfen von der Nasenspitze breche, treibe ich hilflos ins grausige Endstadium dieser bisher von keinem Psychiater gewürdigten Seelenkrankheit.
Wie ein unheilschwangerer Planet taucht nämlich schon das nächstjährige Elefantentreffen am Horizont meiner selbstquälerischen Gedanken auf, und mit Schrecken wird mir eines klar: Wenn ich in zwölf Monaten nicht wieder die graueste aller grauen Mäuse des Treffens sein will, muss ich jetzt schon die Weichen stellen. Die Frage ist nur: Wie?
Soll ich in zwölf Monaten dem nicht mehr ganz taufrischen Zweitaktmotor meiner Arbeiter-und-Bauern-Säge etwa dieselben fünfstelligen Drehzahlen zumuten wie der Typ da draußen seiner fernöstlichen Sechzehn-Ventil-Orchestrion? Eher nicht, denn noch vor dem Eintreffen eines einzigen Schaulustigen würde ein kapitaler Kolbenfresser diesen Versuch, sich in die Annalen des Treffens einzuschreiben, zu einem infernalisch kreischenden Ende bringen. Oder soll ich mich vielleicht das ganze Jahr über durch eiskaltes Duschen systematische abhärten, um dann mit nacktem Oberkörper in einem halb im Schnee versunkenen Campingstuhl genüßlich einen längst erkalteten Jägertee schlürfen zu können wie Rasputin mit Eiskristallen im Bart, den ich heute Nachmittag, eingehüllt in Faserpelzjacke und Daunenweste neiderfüllt bestaunt habe?
Aber nein. Derlei plumpe Plagiate würden von den Elefantentreffen-Profis sofort als peinliche Imitation entlarvt. Etwas radikal Neues muß her, soviel ist klar. Wie wäre es zum Beispiel mit einer phosphoreszierenden Fantomas-Maske, die den Wolfsmenschen, der in diesem Jahr seiner XT unermüdlich um den Ring donnerte, ganz grün vor Neid werden läßt. Und meine Zschopauer Ostblock-Feile muß einen Vincent-Black-Shadow-Motor eingepflanzt bekommen - oder besser gleich zwei. Und als Boot für meinen Beiwagen brauche ich ein Aquarium mit lebenden Piranhas, das von einem leise vor sich hin schnurrenden Generator elektrisch beheizt wird. Im Geiste sehe ich mich schon einen von diesen gockelhaft herumstolzierenden Harley-Gespannfahrer dazu auffordern, mit seinem in hauchdünnes Komodowaran-leder gehüllten kleinen Finger die Wassertemperatur zu prüfen.
Ja, das ist es! Ungeduldig sehne ich den nächsten Morgen herbei, das Frühstück mit den Eisklumpen im Joghurt und dem Kaffee, der auf dem Weg von der Tasse in den Mund schon lauwarm geworden ist. Ich fiebere geradezu nach der bibbernden Heimfahrt im pappigen Wasserschnee, der in Minutenschnelle den Weg in meine angeblich wasserdichten Motorradstiefel findet. Wenn ich erst wieder daheim bin, werde ich sofort in der Werkstatt verschwinden und Nägel mit Köpfen machen.

Und während ich mit einem seligen Lächeln auf den frostblauen Lippen langsam einschlafe, kann mich nichts mehr aus meinen glücklichen Träumen reißen. Nicht einmal die bange Ahnung, dass ich im nächsten Jahr meine Jammerkiste wieder genauso unscheinbar aussehend wie eh und je ins Fahrerlager lenken werde, um Holz für das Lagerfeuer vor dem Zelt zu erstehen. Und dann wird es nicht mehr lange dauern, bis ich ihn wieder haben werde: Den Elefantentreffen-Blues.
(Eine gekürzte Fassung dieses Artikels wurde in der Zeitschrift "mo" 4/86 veröffentlicht)
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