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Im Land der Pints und der Regenbogen

Eine Reportage von Thomas A. Merk

erschienen in der Zeitschrift "Kraftrad" April/Mai 1994



Nicht einmal eine halbe Meile, nachdem uns der freundliche Grenzbeamte über ein paar gelbbemalte Holperschwellen von Nordirland in die irische Republik hinübergewinkt hat, passiert es. Das Hinterrad bricht aus, die schwerbepackte Maschine schlingert von einer Seite auf die andere und kommt, mit Herzklopfen und Bauchschmerzen abgebremst, zum Stehen.



Diagnose, nachdem der erste Schreck verflogen ist: Reifenpanne. Der Hinterreifen hat sich einen cirka zehn Zentimeter langen, rostigen Nagel eingefangen und besitzt nun den ultimativen Niederquerschnitt. Zeit also, um sich bei typisch irischem Sprühregen mit MontierhebeI und Flickzeug in der fast schon vergessenen Kunst des Schlauchflickens zu üben.

Wer schon einmal in der irischen Provinz einen 4.00-18-Motorradschlauch zu ergattern versucht hat, weiß was in den nächsten Tagen bei der Suche nach passendem Ersatz auf mich zukommt. Erst Tage später, eigentlich mehr durch einen Zufall, finde ich eine entsprechende Werkstatt. Deren Besitzer Pat, ein begeisterter VF 750-Fahrer, hat, während er mir den frischen Schlauch montiert, gleich einige Touren -Tips parat. Und ich erzähle ihm, wie ich ein halbes Dutzend Male die ganze Reifenausbauprozedur wiederholen mußte, um den zunehmend maroder werdenden Schlauch immer neue Flicken zu verpassen. Am Schluß hatte ich die ganze Zeremonie so gut drauf wie einer jener legendären Fünfziger-JahrGurus, die nach eigenem Bekunden einen Reifen mit verbundenen Augen flicken und montieren konnten - selbstredend ohne dabei Werkzeug zu gebrauchen.



Eine Reise an die irische Westküste kann so rasch zu einem Trip in der Zeitmaschine werden. Das betrifft nun nicht nur Nägel und diverse andere reifenmordende Gegenstände, die von unseren fast schon aseptisch sauberen Straßen bereits seit Jahrzehnten verschwunden sind. Wer über den kleinen Grenzübergang zwischen Londonderry und Letterkenny hinüber in die grüne Republik kommt, fährt in ein Motorradland, das man anderswo in Europa nur noch selten findet. Bröselnder Teer, Schlaglöcher, Rollsplitt in der Kurve - alles, was den Adrenalinspiegel des Motorradfahrers in die Höhe treibt, feiert hier fröhliche Urständ. Besonders urig geht es dabei im einsamen und kargen Donegal zu. So gut wie nirgendwo kann man, zwischen Steinwällen und hohen Hecken eingeschlossen, weiter blicken als bis zur nächsten Kurve. Nach wenigen Kilometern macht man also das, was ohnehin alle hier tun: Man läßt es ruhig angehen.

Wer sich erst einmal auf eine, den nostalgischen Straßen angemessene ruhige Fahrweise eingestellt hat, wird für seine Zurückhaltung in der Gashand reich entschädigt. Die grüne Insel, nur wenige Quadratkilometer größer als Österreich, bietet dem, der zu schauen versteht, alles, was das Herz begehrt:

Wilde Küsten, kahle Berge, von Hunderten von Inseln ühersprenkelte, tiefblaue Seen, sattgrüne Hügel, tief ins Land gefressene Meeresarme und weite, melancholisch braune Moorflächen. Sogar Strände gibt es, kilometerlang, mit feinstem Sand und so einsam, daß ein einzelner Strandläufer einem schon fast wie ein unliebsamer Eindringling vorkommt.



Genauso unvorhersehbar wie der Straßenzustand ist das irische Wetter. Minuten, nachdem die Sonne einem aufs Leder brennt, können schon wie aus dem Nichts aufgetauchte Wolken mit einem kräftigen Regenguß einem die aufgekommene Lebensfreude gehörig abkühlen. Die Regenkombi ist somit wohl jenes Bekleidungsstück, das bei einer Motorradtour durch Irland am meisten an- und ausgezogen werden muß. Andererseits geht der Regen meist so schnell, wie er gekommen ist, und dann entschädigt das Spiel zwischen Sonne und Wolken das Auge des einspurig Reisenden. So ist es keine Seltenheit, wenn sich auf einer Fahrt von knappen zwanzig Kilometern sage und schreibe zehn Regenbogen über dem wolkendunklen Himmel wölben.

Im Nordwesten, in den Grafschaften Donegal und Sligo, sind es die schroffen Quarzitberge des kaledonischen Gebirgszuges, die zu einsamen Touren durch violett leuchtende Heidekrauttäler einladen. Der Mount Errigal mit seinen 752 Metern ist zwar, verglichen mit unseren Alpen, eher ein Zwerg, weil aber in Irland so gut wie alle Wälder seit Jahrhunderten abgeholzt sind, wirkt sein schroffer, weiß schimmernder Kegel viel höher, als er ist. Übrigens: Wer in dieser Gegend stehenbleibt und einen Schwatz anfängt, kann sich gleich auf eine längere Pause einrichten. Die Leute hier sind berühmt dafür, daß sie gute Geschichtenerzähler sind und verblüffen mit den eigenwilligsten Fragen zum Thema Motorradtechnik.

Weiter südlich hat Donegal noch einen echten Superlativ zu bieten: den Slieve League mit den, bis zu 600 hohen und damit, höchsten Klippen Europas. Hier lohnt es sich, die Maschine für ein paar Stunden stehen zu lassen und auf einem als One Man's Path" bezeichneten Trampelpfad die Umgebung zu erkunden.

Vielbesungen, vielgerühmt und oft gemalt: Connemara ist für manche der Inbegriff Irlands. Wenn man die wilden Maumrurk Mountains hinter sich gelassen hat, eröffnet sich einem das typische Panorama: Steine, Steine Lind nichts als Steine. Vom Kiesel bis zum Felsblock bestimmen sie hier in jeder nur erdenklichen Größe das Landschaftsbild. Die alten Häuser, manche davon mit Strohdach, sind aus diesen Steinen gebaut, ebenso die Mauern um die armseligen kleinen Felder, die verhindern sollen, daß der Wind den mühsam gewonnen Humus fortweht. Ebenso typisch: die Connemara-Ponnies, welche angeblich eine Kreuzung einer kleinen, keltischen Rasse mit Vollblütern sein sollen, die aus den 1588 an den Klippen zerschellten Schiffen der spanischen Armada an Land schwammen.

In diesem verkehrsmäßig wenig erschlossenen Winkel der Insel liegt eine der größten von insgesamt sieben Gaeltachts. Das sind Gebiete, in denen heute noch hauptsächlich Gälisch, die über tausend Jahre alte Sprache der irischen Urbevölkerung, gesprochen wird. Sind normalerweise in Irland die Wegweiser zweisprachig, in Englisch und Gälisch, so weisen sie in der Gaelracht nur noch die keltische Ortbezeichnung auf. Karten helfen hier nicht mehr weiter, m an ist praktisch gezwungen, die Einheimischen nach dem Weg zu fragen. Das betrifft nicht nur den Weg in die nächste Ortschaft. Wer weiß schon, wenn er an den Toiletten eines Pubs die Bezeichnungen "Fir" und "Mna" liest, welche Tür die richtige ist? Und was einen erwartet, wenn man die falsche Wahl getroffen hat?

Von solchen Risiken abgesehen liegt man aber mit einem Besuch in einem der Pubs genau richtig. Bei ein paar Pints - tiefschwarz, schön kühl I und mit einem festen "head" aus weißem Schaum - kommt man leicht mit den Einheimischen ins Gespräch, lernt ein paar Worte Gälisch und wird bisweilen auch in eine der ganze Nächte dauernden Musik-Sessions mit einbezogen, bei der so gut wie jeder Anwesende ein Ständchen zum Besten geben kann.

Um ins Zentrum der irischen Musik zu gelangen, muß man die kurvige Küstenstraße allerdings weiter nach Süden fahren, bis in die Grafschaft Clare. Hier, im grünsten County Irlands, findet das alljährliche Festival von Lisdoovarna statt, zu dem sich schon mal Van Morrison, Joni Mitchel oder Jackson Brown einstellen. Wahre Zeltstädte wachsen Mitte Juli bei dem einzigen Kurort Irlands aus dem Boden und wer Glück hat, kann in einem der Pubs seinem Star herzhaft auf die Schulter klopfen.

Südlich von Clare beginnt mit der Grafschaft Kerry dann der touristisch am meisten erschlossene Teil der irischen Westküste. Den Traum aller dort ansässigen Busunternehmer stellt der "Ring of Kerry". dar. Auf der gut ausgebauten Rundstraße liefern sich in der Saison Reisebusse voller nach ihren irischen Wurzeln suchende Amerikaner erbitterte Duelle mit asthmatisch schnaufenden Wohnwagengespannen.

Lohnender ist es daher, die benachbarte Halbinsel Dingl zu erkunden. Dort befindet sich, kaum beachtet und nicht einmal extra ausgeschildert, bei Slea Head der westlichste Punkt Europas.

In der Nähe der alten Rebellenstadt Cork, der nach Dublin zweitgrößten Stadt der Republik Irlands, kann man sich dann nach dem Naturgenuß der Westküste noch anderen Genüssen hingeben und im Jameson Irish Whiskey Heritage Centre seine Kenntnisse über das flüssige Gold der Insel erweitern. Hier, im Whiskey-Museum der Irish Destillers, erfährt man alles über H erstellung Geschichte und Geschmack von Paddy, Jameson's, Tullamor Dew, Powers und wie die Brände noch alle heißen. Zu tief ins Glas sollte man allerdings nicht schauen, wenn man am nächsten Tag die Fähre von Cork hinüber nach Swansea in Wales errreichen will. Die irische See kann auch im Sommer ziemlich rauh sein, und da ist ein guter Magen unerläßlich ...

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