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Im nordnorwegischen Narvik erinnern Gräber und Wracks noch heute an ein wenig bekanntes Kapitel des 2. Weltkriegs
Gerade im Frühherbst ist der Rombakkenfjord im Norden Norwegens besonders schön: Bläulich schimmert sein Wasser vor steilen Felshängen, auf denen herbstlich gefärbte Birken, Farne und Heidelbeerbüsche die Landschaft in ein farbenprächtiges Spektrum aus Gelb-, Rot- und Orangetönen verwandeln.
Eine Idylle könnte es sein, dieses stille Fleckchen Erde weit oberhalb des Polarkreises, wäre da nicht das bizarr zerfetzte Wrack des deutschen Zerstörers "Georg Thiele", das seit mehr als sechs Jahrzehnten nur wenige Meter vom Ufer entfernt fast senkrecht aus dem Wasser ragt.
"Das Wrack ist heute ein international anerkanntes Seekriegsgrab", sagt Wolfram Schmidt, Geschäftsführer des Landesverbands Schleswig Holstein im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der unsere Gruppe auf abenteuerlichen Wegen über Stock und Stein hergeführt hat. Und dann erzählt er die Geschichte dieses Mahnmals für eine fast vergessene Front des Zweiten Weltkriegs.
Unternehmen "Weserübung"
Am 9. April 1940 hatte die "Georg Thiele" zusammen mit neun anderen deutschen Zerstörern 1862 Gebirgsjäger der 3. Gebirgsdivision im Hafen der am Ofotfjord gelegenen Kleinstadt Narvik abgesetzt, von dem aus das für die Rüstungsindustrie wichtige Eisenerz aus dem schwedischen Kiruna nach Deutschland verschifft wurde.
Mit dem "Unternehmen Weserübung" genannten Angriff auf das neutrale Norwegen kam die Deutsche Wehrmacht einer von den Engländern geplanten Besetzung des strategisch wichtigen Landes am Nordrand Europas nur um wenige Tage zuvor - dementsprechend rasch erfolgte der englische Gegenschlag.
Bereits am 10. April tauchen englische Kriegsschiffe im Fjord auf und schneiden den Zerstörern, die nicht genügend schnell mit Treibstoff für die Heimfahrt versorgt werden konnten, den Rückweg ab. Zwei von ihnen sinken im Feuer der Briten, fünf weitere werden schwer beschädigt.
Am 13. April ereilt die deutschen Zerstörer dann endgültig ihr Schicksal - im Kampf gegen die englische Übermacht werden einige von ihnen versenkt, die meisten aber setzen sich selbst gezielt auf Grund, um wenigstens die Mannschaften zu retten. So auch die "Georg Thiele", die ihr Kommandant am Ufer des Rombakenfjords auflaufen lässt. Im Hagel britischer Wasserbomben wird das Schiff zerfetzt und in zwei Teile gerissen, 27 Besatzungsmitglieder kommen beim Verlassen des Zerstörers ums Leben.
Die restlichen verstärken zusammen mit 2500 weiteren Marineangehörigen die Gebirgsjäger unter dem Oberbefehl des im oberbayerischen Bad Aibling geborenen Generalleutnants Eduard Dietl, die zunächst das nur von schwachen norwegischen Kräften besetzte Narvik kampflos einnehmen können. Alsbald aber sehen sie sich einer zahlenmäßig weit überlegenen Expeditionsstreitmacht aus Engländern, Franzosen und Exilpolen gegenüber, die mit schweren Waffen ein paar Tage nach den Deutschen in Nordnorwegen gelandet ist.
Belastete Beziehungen
Vor deren Übermacht müssen die deutschen Truppen, die über so gut wie keine Artillerie verfügen, die Stadt Narvik räumen und sich immer weiter in die Berge zurückziehen, wo sie bald mit dem Rücken zur schwedischen Grenze in einem verzweifelten Abwehrkampf stehen. Trotz einiger spektakulärer Versuche, die Gebirgsjäger aus der Luft mit Soldaten, Verpflegung und sogar mit Geschützen zu versorgen, hätten Dietl und seine Männer sich wohl auf lange Sicht nicht halten können.
Weil aber die Wehrmacht, die am 10. Mai unter der Bezeichnung "Fall Gelb" in Holland, Belgien und Frankreich den Westfeldzug begann und dort enorme Erfolge erzielte, müssen die Alliierten ihre Truppen aus Norwegen nach und nach abziehen. Ohne dass die norwegische Führung davon unterrichtet worden wäre, werden die letzen französischen, englischen und polnischen Soldaten am 8. Juni 1940 eingeschifft. König Haakon und die Regierung verlassen von Tromsø aus an Bord eines britischen Kriegsschiffes am 9. Juni das Land und befehlen ihren Truppen die Einstellung jeglichen Widerstandes. Eine fünfjährige Besatzung des Landes durch die Wehrmacht schließt sich an, deren Spätfolgen die Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland auf Jahrzehnte hinaus belastet haben.
Auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Narvik erklärt Wolfram Schmidt, warum sich das anfangs sehr problematische Verhältnis in den letzten Jahrzehnten merklich entspannt hat.
Schmidt, der als Kind einer Norwegerin und eines ehemaligen deutschen Besatzungssoldaten am 1.1. 1946 im Norwegischen Hønefoss zur Welt kam, kennt die Empfindungen beider Völker und hat bei seiner langjährigen Tätigkeit für den Volksbund in Nordeuropa eisige Ablehnung ebenso erlebt wie ergreifende Szenen der Versöhnung.
Der Soldatenfriedhof Narvik, dessen Patenschaft der Landesverband Schleswig-Holstein des Volksbundes übernommen hat, spielte bei der Aussöhnung von Norwegern und Deutschen von Anfang an eine entscheidende Rolle. Hier, auf einem leicht abschüssigen Gelände zwischen Erzbahn und Fjord, liegen die deutschen Kriegstoten der Kämpfe um Narvik nur ein paar Schritt weit entfernt von französischen, britischen und polnischen Soldaten sowie den 15 norwegischen Matrosen, die bei der Versenkung der beiden Panzerschiffe "Norge" und "Eidsvoll" durch die deutschen Zerstörer im Hafen von Narvik ums Leben kamen.
Jugendlager brechen das Eis
"Es waren unsere Jugendlager, die hier das Eis gebrochen haben", erzählt Schmidt, der schon mehrere dieser Lager in Narvik geleitet hat. Der Kontakt mit jungen Deutschen, die sich mit Hingabe der Pflege von Kriegsgräbern widmen, hat nicht nur in Norwegen viele Angehörige der Kriegsgeneration zum Umdenken gebracht.
In Narvik zum Beispiel haben die jungen Leute schon 1980 die schlichten, in den Rasen eingelassenen Platten aus grauem Stein verlegt, mit denen die einzelnen Grablagen der 1473 deutschen Toten markiert werden, und im Sommer 2003 wurden die Platten im Zuge eines weiteren Jugendlagers gereinigt, ausgebessert und höher gelegt.
Nirgends, so Schmidt, wird das Motto des Volksbundes "Arbeit für den Frieden" mehr mit Leben erfüllt als auf diesen seit nunmehr 50 Jahren durchgeführten Veranstaltungen. An die 183.000 Jungen und Mädchen haben auf fast 4000 Jugendlagern die Gräber von Gefallenen instand gesetzt, die damals, als sie sterben mussten kaum älter waren als sie.
Dass die Teilnehmer der Jugendlager aber auch einen wichtigen Beitrag zur "Versöhnung über den Gräbern" auch das ein Leitsatz des Volksbundes leisten, erklärt Wolfram Schmidt am Beispiel eines norwegischen Kriegsversehrten, der 1984 bei der Abschlussfeier eines Jugendlagers auf dem Friedhof von Narvik vor laufenden Kameras zum ersten Mal seit vierzig Jahren einem jungen Deutschen die Hand gab. Das Bild ging damals durch die norwegische Presse und hat viel dazu beigetragen, alte Ressentiments zu begraben.
Es sind solche Begegnungen, die heute im Osten, wo die Wunden des Zweiten Weltkriegs noch tiefer sind als bei den ehemaligen Gegnern in Westeuropa, oft mehr bewirken als jeder zwischen Politikern geschlossene Vertrag. Aus diesem Grund bemüht sich der Volksbund auch seit Jahren, trotz mancherorts noch vorhandener Vorbehalte von Seiten örtlicher Politiker möglichst viele Jugendlager in den Ländern des ehemaligen Ostblocks abzuhalten. Im Jahr 2003 waren es immerhin 24, Tendenz steigend.
Schließlich gilt überall das, was ein Besucher in das auf dem Soldatenfriedhof Narvik ausliegende Buch geschrieben hat:
"Wir müssen unseren Kindern von den Leiden dieser und Millionen anderer Kriegsopfer erzählen und mithelfen, dass Kriege der Vergangenheit angehören und kein Mittel sind, Meinungsverschiedenheiten zu lösen."
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