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Der Geschenksackträger (1989)
Sendung : Weißblau und heiter
Manuskripttitel : Geschenksackträger
Haben Sie schon einmal was vom Geschenksackträger gehört?
Nein, das ist nicht der freundliche Herr, der gutaussehenden Exem-plaren des schwachen Geschlechts hilfreich zur Hand geht, wenn sich diese bei den Weihnachtseinkäufen mengenmäßig ein wenig übernom-men haben.
Der, den ich meine, hat einen gewaltigen weißen Bart, auffallend rote Backen und Zipfelmütze nebst Mantel in eben dieser Farbe. Aber er kommt nicht von drauss vom Walde her zu uns, sondern direkt durch die löchrig gewordene Berliner Mauer. Haben Sie’s jetzt erraten? Genau. Der Geschenksackträger übt im anderen Teil Deutschlands die Funktion aus, um die hierauf unserem leistungsorientierten weihnacht-lichen Dienstleistungsmarkt der Nikolaus, das Christkind, der Weih-nachtsmann und seit neuestem auch Santa Claus heftig konkurrieren. Da muß man sich schon was einfallen lassen, wenn man die Gunst der Verbraucher, pardon, der Beschenkten nicht an einen dervielen Mitbewerber verlieren will.
Santa Claus weiß das und trumpft unheimlich auf. Seit der mit ame-rikanischem Marketing und einem von sechs Rentieren gepowerten Schlitten über die Milchstraße fegt und ein markiges ”Ho,ho,ho her-ausschmettert, ist den anderen der Branche das Lachen gehörig vergangen. Show will der Verbraucher haben, jingle-bells, daß die fal-schen Frostkristalle nur so fliegen, untermalt von einem hinge-schmachteten ”I’m dreaming of a white christmas”.
Kein Wunder, daß der biedere deutsche Weihnachtsmann im Moment ein wenig ”out” ist. Da hilft es auch nichts, daß er mit teutonischer Gründlichkeit außer Geschenken zusätzlich noch einen Waldschadens-bericht abliefert, zumal die Information, daß er auf den Tannenspitzen lauter goldene Lichtlein blitzen gesehenhabe, für den Forstwissen-schaftler eher verwirrend als hilfreich sein dürfte.
Naja, bei uns in Bayern hat einer, der Geschenke durch den Kamin zu werfen pflegt, anstatt sie, wie es sich gehört, sauber und ordentlich unter den Christbaum zu legen, eh nie so richtig Fuß fassen können.
Da ist uns unser Christkind schon lieber, bei dem weiß man wenig-stens sicher, daß man beim Öffnen der Packl keine schwarzen Finger bekommt. Aber halt! Sollen nicht 1992 europaweit die Bestimmungen über Kinderarbeit vereinheitlicht werden? Wird es dann dem Christkindl ebenso ergehen wie vor nicht allzulanger Zeit unserem bayerischen Reinheitsgebot?
Wo doch die Geschenke immer schwerer werden, die es zu schleppen hat, und das bis spät in die Nacht und noch dazu am Feiertag. Also-daß da die EG Kommi sion nicht tatenlos zuschauen kann ist so si-cher wie das Amen in der Christmette.
In die dadurch entstandene Lücke könnte eigentlich nur der Nikolaus vorstossen. Aber der ist bisher in der Nische seines 6.Dezembers vor jedem Wettbewerb verschont geblieben und zeigt deshalb alle Anzei-chen eines maroden staatlichen Monopolbetriebs. Sein Fuhrpark, ein klappriger Schimmel, soll völlig veraltet sein und die aufgeblähten Personal- und Lohnnebenkosten, die der Krampus verursacht, machen ihn auch nicht wettbewerbsfähiger. Wenn der Nikolaus im immer en-ger werdenden Weihnachtsmarkt der 90-er Jahre bestehen will, muß er sich einen potenten Partner suchen. Und hier bietet sich die Chan-ce zu einem echten deutsch- deutschen joint-venture mit dem Ge-schenksackträger. Hei, was gäbe das für ein Medienspektakel, wenn die beiden Rauschebärte von einem gemeinsamen, mit Bananen belade-nen Schlitten die längst überfällige Wiedervereinigung der beiden deut schen Weihnachtsfeste verkündeten.
Halleluja, könnten da die bundesrepublikanischen Engerl singen und die Jahresendfiguren mit Flügeln, wie ihre Kollegen drüben im Planwirt-schaftsdeutsch genannt werden, würden jubilierend einstimmen.
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