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Sendung : Weißblau und heiter
Manuskripttitel : Weihnachtsessen
Haben Sie sich schon entschieden, was Sie am 1. Weihnachtsfeiertag essen wollen? Ja? Dann gratuliere ich Ihnen. Sie wissen ja gar nicht, wie glücklich Sie sind. Bei mir ist das leider nicht so einfach. Dieses Jahr nämlich bin ich turnusgemäß an der Reihe, den kleinen Kreis meiner feinschmeckerischen Freunde mit dem traditionellen Weihnachtsessen zu beglücken.
Nichts leichter als das, meinen Sie. Wer kann schon einem zünftigen Schweinsbraten und gscheiden Kartoffelknödeln ernsthaft widerstehen? Stimmt, aber Sie wissen ja nicht, was es letztes Jahr bei Carl (mit ”C”) und Ann-Theresa (mit Bindestrich) als Weihnachtsschlemmerei gegeben hat. Ein simpler Schweinebraten ist wohl kaum die richtige Antwort auf die marinierten Stubenküken mit Broccoligratin auf einem Bett von gehacktem Sauerampfer, von denen Lutz heute noch schwärmt.
Ich sehe Ann-Theresa direkt vor mir, wie sie beim bloßen Hören des Wortes Kartoffelknödel eine fürchterliche Migräne bekommt, die sie vor diesem bajuwarischen Frontalangriff auf das empfindliche Gleichgewicht ihrer pankreatischen Sekretionen bewahrt. Gut für sie, daß ich mein schlaues Buch habe. Nein, das ist keines dieser Feinschmeckerbreviere aus der Feder irgendeines hochgelobten Kochlöffelartisten. Aus solchen Prachtbänden etwas nachzustümpern wäre gesellschaft-licher Selbstmord, seit man sich erzählt, daß die neue Freundin von Lutz angeblich den ganzen Bocuse mit verbundenen Augen auswendig rauf-und runterkochen kann. Aber das von einem langen Küchenleben arg ze rfledderte Kochbuch meiner Urgroßmutter, in dem ich gerade blättere, kennt keiner unserer Freunde mit den übergroßen Geschmackspapillen, wollen wir wetten?
Allein die Überschriften in altertümlichen Frakturbuchstaben katapultie-ren mein feinschmeckerisches Selbstbewußtsein um einige Sterne nach oben. Lukullische Juwelen wie ”Kalbskopf auf Schildkrötenart” , ”Fasanenbrust a la Nesselrode” oder ”Hirschziemer krustiert” würden doch jeder handgeschriebenen Menükarte den Stempel der Einzigartigkeit aufdrücken. Ich bin mir sicher, daß nicht einmal ein so durchtrainier-ter Gaumenathlet wie Carl schon einmal einen ”Kartoffeldotsch”, eine ”braune Schühsuppe von Fischen” oder gar ”Windküchlein der dritten Art” gekostet, geschweige denn den ”Kastanienberg” erklommen hat, den Gipfel längst vergessener Nachspeisengenüsse.
Aber alles das ist noch gar nichts gegen das Rezept Nr.10 im Kapitel ”Die vollständige Fastenküche”, das ”Anna Huber, seit vielen Jahren Pfarrhofsköchin”, verfaßt hat. Wenn Sie mir versprechen, es nicht an Herrn Witzigmann weiterzugeben, verrate ich Ihnen, wie Sie ihn am besten zubereiten, den gedämpften Biber:
”Man zerlegt den Biber in kleine Stückchen, gibt Schmalz in eine Kas-serolle, klein geschnittene Zwiebeln und Citronenschalen, gibt das Fleisch darauf und dämpft es weich, wobei man öfter Essig und Erbsenbrühe, zuletzt auch etwas Mehl, fein geschnittene Sardellen und ein Glas Wein dazu gibt. Die Brühe muß kurz einkochen. Der Biberschwanz ist am besten, wenn er in Essig und Wasser weich gekocht, dann mit Butter und Semmelbröseln am Roste abgebräunt und oben auf den Biber gelegt wird.”
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