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Sendung : Weißblau und heiter
Manuskripttitel : Meine Fränkin
Wenn eines Tages Ihre neue Nachbarin an Ihrer Wohnungstür klingelt und fragt, ob Sie ”Ee Ä ü” haben, dann leidet die gute Frau nicht an einem kapitalen Sprachfehler, sondern sie kommt aus Unterfranken. Und Sie will wissen, ob sie für ihren Sonntagskuchen noch ”ein Ei übrig” hätten.
Weil Sie so hilfsbereit und weil Sie ihr so sympathisch sind, lädt sie Ihre Nachbarin gleich zum Kaffee ein, mit Klumbeplaatz. Bevor Sie ablehnen, lassen Sie sich sagen, daß es sich hierbei um Quarkkuchen handelt, also eine durchaus essbare Köstlichkeit.
Woher ich alle diese Informationen habe? Ich habe selbst einmal einem ”Quetscheplaatz” (für Nichtfranken: einem Zwetschgendatschi) nicht widerstehen können und seitdem lebe ich mit einer Frau zusam-men, in deren Heimatdorf der häufigste orthographische Fehler der Schulkinder ist, daß sie Zucker mit zwei ”G” schreiben.
Aus Under, pardon, Unterfranken hat es meine bessere Hälfte in die weltoffene Metropole unseres bayrischen Vielstämmestaates verschlagen.
In ihrer Heimat, dem sprachlichen Bermudadreieck zwischen Würzburg und der hessischen Grenze soll man ja Gott, einem alten Sprichwort zufolge, für alles danken, am meisten wohl für den wunderbaren, unverfälschten Dialekt, mit dem er die dortigen Menschen gesegnet hat.
Um ehrlich zu sein, am Anfang herrschte in unserer Beziehung ein derartiges Sprachgewirr, daß mir der Alte Peter, in dessen Blickfeld ich geboren wurde, manchmal wie der sagenhafte Turm zu Babel vorkam.
Wir kannten uns erst wenige Tage, als sie mich nach einem ”Küssele” fragte. Ich gab ihr das Gewünschte und fing mir damit eine schallende Watschn ein. Hätte ich damals die fränkische Sprache besser beherrscht als meine Gefühle, hätte ich ihr ein Kissen gebracht und würde heute nicht Tisch und Bett mit einer waschechten Angehörigen unserer nördlichen Grenzstämme teilen.
Inzwischen passiert mir so etwas nicht mehr. Nach jahrelangem, kostenlosem Nachhilfeunterricht in weißblauer Multikultur weiß ich heute, daß ein ”Bobbele” eine Puppe ist, daß ”olwer” albern und ”derlacht” ausgedürstet heißt. Wenn von ”andernechte Nacht” die Rede ist, denke ich nicht mehr an einen uralten Brauch aus vorchristlicher Zeit, bei dem die Nachkommen fellbekleideter Eingeborenen um das hell lodernde Stammesfeuer tanzen, sondern weiß, daß ich es mit einem ganz prosaischen Zeitbegriff, nämlich ”vorgestern abend” zu tun habe.
Wenn ich da an unsere Anfangszeiten denke! Damals war ich völlig verloren im fränkischen Konsonantendschungel der ”Be”s und ”De”s und ”Pe”s und ”Te”s, aber an ”Beder und Baul” unseres ersten ge-meinsamen Jahres hatte ich den Bogen raus. Seitdem glaube ich nicht mehr, daß Andi Histaminikum ein alter Schulfreund von ihr ist, sondern das Rheumamittelchen für ihre Großmutter. Und wenn jemand zu Besuch kommt, der von meiner Fränkin als ”zwerch” bezeichnet wird, lasse ich das Kinderbett jetzt im Keller. Denn obwohl ”arg” im Frankenmund zu ”arch” wird und ”Burg” zu ”Burch”, so ist ”zwerch” halt kein kleinwüchsiger Mensch, sondern das fränkische Wort für ”durcheinander”.
Ein schönes Wort, denn bei so einem bayrisch-babylonischen Sprachchaos wie es in unserer Beziehung zuweilen herrscht, kommt es nicht selten vor, daß einer von uns ein wenig "zwerch" ist.
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