Funkbeiträge

Hier finden Sie die Beiträge, die ich für die Sendung "Weiß-blau und heiter" im Bayerischen Rundfunk verfasst habe

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Sendung : Weißblau und heiter 

Manuskripttitel : Berg-Tourenbücher

 

Meine Tante Dora räumt leidenschaftlich gerne herum. Bei ihren  Expeditionen in Kellerregale, Kommoden und vergessene Kammerl hat  sie schon die erstaunlichsten Fundstücke zu Tage gefördert, aber  heute nachmittag überraschte sie mich mit etwas ganz Besonderem.

”Weilst dich doch so für die Berg int’ressierst” sagte sie und drückte  mir einen etwas ramponierten Schuhkarton in die Hand.

Zuhause, während ich die sorgsam verknotete Schnur öffne, frage ich  mich, was um alles in der Welt der Inhalt dieser früheren Behausung  von hellbraunen Halbschuhen mit der majestätischen Welt der Berge  zu tun haben könnte, deren Ruf ich im Spätsommer vor einem Jahr  zum ersten Mal vernommen habe.

Alles habe ich in dem Karton vermutet, nur nicht die acht Notizhef- te in verschiedenen Formaten, die schließlich zum Vorschein kommen.

Es sind, wie mir die sorgsam beschrifteten Titelseiten verraten, die  ”Tourenbücher” meines Onkel Albert, genannt Bertl, der 52 Jahre lang  Mitglied der Sektion Oberland des Deutschen Alpenvereins war. Von  Pfingsten 1936 bis zum Herbst 1987, eineinhalb Jahre vor seinem Tod,  hat er jede seiner vielen Bergtouren fein säuberlich in diesen Heften  niedergeschrieben, hat sich von unzähligen Bergwirten die ausgefallen- sten Hüttenstempel hineindrücken lassen.

Nachdem ich meine ersten Berührungsängste mit der eckigen, deut- schen Schrift überwunden habe, beginne ich erst langsam, dann immer  begeisterter zu lesen und für den Rest des Abends bin ich unan- sprechbar. Ich bin mit dem Onkel Bertl in den Bergen.

Und dazu gehört, selbst wenn man bloß liest, eine ganz schöne Kondition. Mir, dem Bezwinger des Geigelsteins, wurde direkt schwindlig  bei dem Tempo, mit dem mein Onkel schon in den dreißiger Jahren  einen Bergriesen nach dem anderen erklettert hat. Allein in zwei Ta- gen, am ersten und zweiten September 1936, ist er in der Ortler- gruppe auf nicht weniger als sieben verschiedene Dreitausender ge- stiegen. ”Im Alleingang”, vermerkt er trocken in seinem ersten Tourenbuch.

Beim Abstieg vom 3778 Meter hohen Cevedale sträuben sich mir dann  im Lesesessel die Nackenhaare, als der Bertl ausrutscht, 70 Meter  lang ein Eisfeld hinuntergleitet, sich mit Müh und Not gerade noch  festklammern kann, aber seinen Eispickel für immer verliert. Puh, das  war knapp.

Aber diese Fahrt ins Ortlermassiv hat es auch auf andere Weise ganz  schön in sich.

Gewohnt, mich in München gemütlich in den Wagen zu setzen und  dann mit Bleifuß über die Brennerautobahn in drei Stunden nach Bozen  zu rasen, lese ich mit nostalgischem Schmunzeln, wie der Bertl mit  der Bahn von München zum Brenner fährt, dort das Fahrrad aus dem  Gepäckwagen nimmt und auf zwei Rädern nach Südtirol hinunterbraust.

Au weh, denke ich, wie wird denn bloß die Rückfahrt werden, wenn  es dann brenneraufwärts geht. Der Bertl beschreibt sie so. Originalton  Tourenbuch vom 12. September 1936: ”Mit den unvergeßlichen Ein- drücken der Dolomiten fahre ich mit dem Rad von Sexten über Bruneck-Franzensfeste zum Brenner, wo ich nach neun Stunden ankom- me.” Als ich das gelesen habe, muß ich mir erst mal ein kühles  Weißbier einschenken, denn ich bin direkt ins Schwitzen gekommen.

Dafür friere ich weiter hinten im Buch bei der Besteigung des Matterhorns im Juli 1937 um so mehr. Mit dem Bertl zusammen bezwinge  ich den Berg, den ich bisher nur aus einem Louis-Trenker-Film kannte, über den Nordostgrat.

”Wir haben schlechte Verhältnisse”, steht im Tourenbuch,”Neuschnee  und Blankeis. Kommen halb zwölf Uhr hinauf. Wetter und Sicht gut,  nur sehr kalter Wind. Um elf Uhr nachts erreichen wir wieder unser  Zelt, nach 21-stündiger Bergfahrt.”

Nach dieser Gewalttour muß ich das Bücherl erst einmal zur Seite  legen. Zuviel auf einmal soll man sich schließlich auch nicht zumuten.  Und dem Bertl an einem Abend auf alle eintausenzweihundertdreiundfünfzig Gipfel zu folgen, die er in seinen Tourenbüchern dokumentiert  hat, hält nicht einmal ein Bursche wie ich aus, und ich habe immerhin  bei meiner denkwürdigen Besteigung der Kampenwand auf die Benützung der Seilbahn verzichtet. Naja. Runterwärts, wenigstens.